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Der 100-Dollar-Laptop wird real

Infotech

Im Rahmen der Emerging Technology Conference des MIT hat Media Lab-Gründer Nicholas Negroponte am Mittwoch erstmals das Design eines neuartigen Laptops vorgestellt [1], der --wenn alles gut geht --, für nur 100 US-Dollar angeboten werden soll. Zu diesem Preis soll es den Regierungen der Entwicklungsländer möglich werden, Laptops für jedes Kind zu kaufen, was Millionen Menschen zu neue Bildungschancen eröffnen würde.

"Jedes Problem auf dieser Welt lässt sich auf die ein oder andere Art durch Bildung lösen", sagte Negroponte während seiner Rede zur Eröffnung der Konferenz. Und ohne Computer, so der MIT-Mann weiter, sei Bildung nicht mehr vorstellbar. Negroponte sagte, er habe bei seiner Arbeit mit Schulen im Senegal, in Costa Rica, Indien und anderen Ländern festgestellt, wie sehr Computer die Neugier und Kreativität bei den Kindern weckten. "Auch in den Entwicklungsländern brauchen die Kinder ihre Rechner wie Fische das Wasser."

Zusammen mit den MIT-Wissenschaftlern Seymour Papert [2], Joseph Jacobson [3] und anderen Kollegen hatte Negroponte sein 100-Dollar-Laptop- Initiative erstmals im Januar der Öffentlichkeit vorgestellt. Sponsoren des Projektes sind AMD, Brightstar, Google, die News Corporation und Red Hat.

Diese Firmen wollen auch bei der Herstellung des Gerätes zusammenarbeiten. Die Minimalausstattung: Vollfarbdisplay, WLAN- Schnittstelle, ein Prozessor mit 500 MHz sowie ein 1 Gigabyte großer Flash-Speicher. Die Batterie des Gerätes lässt sich mit Hilfe einer Kurbel aufladen, damit der Laptop auch in Regionen der Erde eingesetzt werden kann, in denen es an Elektrizität mangelt.

Die Kinder sollen die Rechner ständig mit sich herumtragen können und Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Geografie und Ökonomie an ihnen lernen. Außerdem sind Spiele und Online-Chats mit Freunden möglich. Daneben sollen die Geräte sich auch zum Zeichnen und zum Komponieren von Musik eignen.

Brasilien, Thailand und Ägypten haben bereits Interesse an den 100- Dollar-Laptops angemeldet -- sie wollen zwischen 500.000 und einer Million Geräte kaufen, sobald sie erhältlich sind. Dutzende weitere Länder haben Negroponte außerdem kontaktiert.

Seymour Papert, emeritierter MIT-Mathematiker, Bildungsforscher, und Autor der Prorammiersprache Logo, der sich seit Jahrzehnten für den Einsatz von Computern im Bildungsbereich stark macht, glaubt, dass die Schüler Fächer wie Mathematik wesentlich lieber am Laptop lernen, als mit Papier und Bleistift. Neben der Möglichkeit, Computerspiele zu nutzen, werden die Kinder außerdem selbst Spiele programmieren können, was ihr logisches Denken anrege.

Die Multimedia-Möglichkeiten des Laptop sollen helfen, den Kindern komplexe Themen zu vermitteln -- beispielsweise die globale Erwärmung, die sich visuell besser darstellen lässt. Durch die Internet- Anbindung sollen die Kinder und Jugendlichen außerdem in Kontakt mit dem Rest der Welt kommen. So ließe sich ein Geist von Offenheit und ein globales Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen, was auch Problemen wie dem Terrorismus vorbeuge.

Der 100-Dollar-Laptop wird real

"Wenn alles in der Gesellschaft offen wäre, würden die Dinge besser laufen. Die Menschen brauchen ein Werkzeug, um das, was um sie geschieht, beobachten und weitergeben zu können", sagt Papert.

Trotz der allgemeinen Begeisterung und der geringen Kosten hat das Laptop-Projekt aber auch Kritiker: Sie meinen, dass das Geld besser angelegt wäre, wenn man mehr Lehrer einstellen und die Klassengrößen reduzieren würde. Solche Stimmen gab es in der Vergangenheit auch in den USA: Als der Gouverneur von Maine im Jahr 2000 vorschlug, alle Kindern der siebten Klasse mit Laptops auszurüsten, erhielt er deutlich mehr E-Mails aus der Bevölkerung, die dagegen waren als dafür.

Diese Haltung hat sich inzwischen geändert: Die Schüler in Maine bekamen ihre Rechner. Das hatte auch mit Paperts Engagement zu tun, der argumentierte, dass die Computer wesentlich günstiger kämen, als mehr Lehrer einzustellen, um die Klassengrößen deutlich zu reduzieren. Dank der Laptops werde sich jedoch die Arbeitsbelastung der Lehrer reduzieren, weil die Schüler dann leichter unabhängig lernen oder sich die Hilfe ihrer Mitschüler über das Internet holen könnten.

Andere Kritiker des Laptop-Projektes meinen, dass die Geräte in Entwicklungsländern, wo es häufig an Nahrung und Gesundheitsversorgung fehle, als Luxusartikel gelten müssten. Paperts Antwort: Ohne Bildung lassen sich diese Probleme auch in Zukunft nicht bekämpfen.

Shiva Mirhosseini, Leiterin der Bostoner Sektion der Hilfsorganisation Shabeh Jomeh, die unter anderem Computer und andere Bildungsutensilien an bedürftige Kinder im Iran verteilt, hält den 100 Dollar-Laptop für eine gute Idee: "Die Computer helfen denjenigen in jungen Jahren, die auf lange Sicht etwas bewegen können."

Kritiker fragten aber auch, warum das Projekt nicht einfach aufgearbeitete Altrechner oder billige Smartphones an die dritte Welt verteilt, anstatt gleich einen vollständig neuen Computer zu bauen. Negroponte und Papert halten nichts von diesen Ideen. Desktop-Rechner seien zu teuer und nicht portabel, Smartphones ließen sich hingegen nur schwer bedienen. Die 100-Dollar-Laptops seien hingegen als ein kostengünstiges Werkzeug gedacht, das lange haltbar sei -- kein nach wenigen Monaten veraltetes Luxusgut. (Papert zeigt dabei gerne auf seine Digitaluhr, die er seit zehn Jahren trägt.)

Das ganze Laptop-Projekt hängt allerdings noch davon ab, ob der Preis des Gerätes tatsächlich auf 100 Dollar gedrückt werden kann. Die nächste Generation soll noch günstiger werden: "100 Dollar sind, so unglaublich das klingt, immer noch zu teuer", sagt Negroponte.

Erste Prototypen des 100-Dollar-Laptops existieren bereits. Der Schlüssel zu einem billigen und dennoch benutzbaren Rechner: Ein kostengünstiger Bildschirm und ein schlankes Betriebssystem, das auch mit langsameren, billigeren Prozessoren und wenig Speicher auskommt, wie Projektmitglied Joseph Jacobson erklärt.

Derzeit geht die Entwicklungsarbeit am Betriebssystem weiter. Auch hat man sich noch nicht endgültig für einen Bildschirm entschieden. Heißer Kandidat ist derzeit jene LCD-Technik, die man heutzutage auch in günstigen tragbaren DVD-Playern findet. Marketing- und Vertriebskosten lassen sich einsparen, so Negroponte, in dem man die Rechner in großen Mengen direkt an Regierungsorganisationen verkauft.

Reparaturen und Internet-Zugang sind in den 100 Dollar allerdings nicht enthalten. Um diese beiden Kostenblöcke niedrig zu halten, will man einerseits das Ersetzen von defekten Teilen so einfach wie möglich machen und andererseits Mesh-Netzwerke unterstützen, über die der WLAN-Internet-Zugriff verteilt wird. So lassen sich Zentralrechner in Schulen für den Zugang verwenden, was allerdings auch bedeutet, dass die Internet-Qualität von der jeweiligen Schulleitung abhängt.

Die Rechner sollen außerdem lange haltbar sein. Weil die Zielgruppe Kinder sind, sollen die Laptops auch Stürze sowie Wasserspritzer und Staub aushalten. Papert glaubt allerdings, dass die Kinder ihre Computer pfleglich behandeln werden, weil sie sie schätzen.

Die Diebstahlgefahr ist ein weiteres Problem. Dieser will man durch das besondere Design der Rechner begegnen -- ein gestohlener Rechner ist so leicht erkennbar. "Wenn wir zum Ziel haben, die Maschinen so vielen Menschen wie möglich an die Hand zu geben, wäre Diebstahl allerdings ein prima Vertriebskanal", grinst Jacobson.

Für Negroponte ist das 100 Dollar-Laptop-Projekt das wichtigste Vorhaben seines Lebens, wie er auf der MIT-Konferenz betonte. Kinder, die mittels Laptops am globalen Internet teilnähmen, erhielten das notwendige Wissen und entwickelten so den notwendigen Ehrgeiz, ihre Länder bald zu besseren Wettbewerbern auf dem globalen Markt zu machen. "Bildung hat nicht nur mit Unterricht zu tun, sondern immer auch mit der Erforschung der Welt."

Von Kevin Bullis; Übersetzung: Ben Schwan.


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http://www.heise.de/-281335

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.technologyreview.com/player/tretc_pics/2.asp
[2] http://www.papert.org/
[3] http://www.media.mit.edu/people/bio_jacobson.html