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"Der Beitrag, den ich als Wissenschaftlerin leisten kann"

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"Der Beitrag, den ich als Wissenschaftlerin leisten kann"

(Bild: Tungsten / Wikimedia)

Die neu gestartete Online-Plattform "Chance for Science" soll Wissenschaftler unter den Flüchtlingen mit deutschen Forschern zusammenbringen. Diese Austausch-Möglichkeit soll sich nun schnell herumsprechen.

Wissenschaftler, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, müssen sich nicht nur eine neue Existenz aufbauen, sondern wollen oftmals auch nicht den Anschluss an Forschungsarbeit verlieren. Die Betriebswirtschaftlerin an der Universität Leipzig, Carmen Bachmann, hat deshalb zusammen mit ihrer Mitarbeiterin und einer studentischen Hilfskraft "Chance for Science" [1] gestartet. Die deutsch- und englischsprachige Website soll fachübergreifend Flüchtlinge mit akademischer Ausbildung mit in Deutschland arbeitenden Forschern vernetzen. Wie viele Wissenschaftler tatsächlich auf der Flucht sind und nach Deutschland kommen, weiß sie nicht. Doch eine Rückmeldung vom Bundesamt für Migration motiviert sie.

"Der Beitrag, den ich als Wissenschaftlerin leisten kann"
Carmen Bachmann

Technology Review: Was antwortete denn das Bundesamt?

Carmen Bachmann: Konkrete Zahlen konnten mir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt werden. Doch man ließ mich wissen, dass man das Projekt für sinnvoll erachte.

Aber haben die Menschen, die hier ankommen, nicht andere Sorgen, als sich auf einer Website einzuloggen?

Natürlich müssen die Menschen zunächst ein Dach über dem Kopf haben und die Primärbedürfnisse erfüllt sein. Doch je länger die Menschen mit akademischer Ausbildung hier in Flüchtlingsheimen sitzen und auf die Ergebnisse ihres Asylverfahrens warten, desto mehr wird sich auch das Bedürfnis einstellen, wieder wissenschaftlich tätig zu sein. Diesen Anschluss an die Forschung möchte ich mit "Chance for Science" ermöglichen. Das ist der Beitrag, den ich als Wissenschaftlerin für die Unterstützung der Flüchtlinge, leisten kann.

Die geflüchteten Menschen sind untereinander gut vernetzt. Doch wie können sie von der Netzwerk-Möglichkeit erfahren?

Ich hoffe, dass sich das über soziale Netzwerke unter den Wissenschaftlern herumspricht. Die meisten von ihnen haben ein Smartphone, daher ist die Website auch auf die Bedienung von Mobilgeräten ausgelegt. Außerdem teile ich die Information zum Beispiel Landräten mit, die eventuell "Chance for Science" unter Ankommenden bekannt machen können. Um auch in Deutschland tätige Forscher darauf aufmerksam zu machen, habe ich begonnen Hochschulverbände anzuschreiben. Und auch Kollegen habe ich über die Idee der Plattform informiert.

Wie funktioniert die Anmeldung?

Wir haben das Verfahren so einfach wie möglich gestaltet. Bei der Anmeldung ordnet man sich einer der Gruppen zu, "geflüchteter Wissenschaftler" oder "in Deutschland forschender Wissenschaftler". In seinem Profil kann man dann nähere Informationen zu seinen Forschungsschwerpunkten und Veröffentlichungen angeben. Über Suchfunktionen lassen sich dann die Wissenschaftler mit ähnlichen Fachgebieten und Ansätzen finden.

Welche Möglichkeit der Kooperation gibt es für Flüchtlinge, denen ja zunächst eine Arbeitserlaubnis fehlt?

Sie können etwa mit anderen Forschern Zugang zu Bibliotheken und Fachliteratur erhalten, Aufsätze schreiben sowie Einladungen in Hochschulen und Vorlesungen folgen. Ich glaube, einem geflüchteten Wissenschaftler gibt das auch wieder ein gutes Gefühl, sich als Wissenschaftler zu fühlen, wenn er in einem Hörsaal sitzt oder seine Expertise gefragt ist. Es gibt viele Möglichkeiten der Kooperation. Da sind auch die Ideen der deutschen Kollegen gefragt. Ich denke, auch die Hochschulen können – wie bei anderen internationalen Projekten auch – vom Austausch profitieren.



URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-2824506

Links in diesem Artikel:
[1] http://home.uni-leipzig.de/~steuern/cfs/