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Der Chip, der unter die Haut ging

Leben
Der Chip, der unter die Haut ging

Bild: VeriChip

Dieser Text ist der aktuellen Print-Ausgabe 11/2009 [1] von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie ältere Ausgaben, hier [2] online portokostenfrei bestellt werden.

Seit fünf Jahren vertreibt ein amerikanisches Unternehmen ein elektronisches Implantat, das trotz gesundheitlicher Bedenken in den verschiedensten Anwendungen seinen Einsatz findet.

Mit einer Party im März 2004 feiert die Szene-Discothek "Baja Beach" in Barcelona ihren siebten Geburtstag. An diesem Abend will der Club mehr bieten als nur Spaß bei Strandatmosphäre. Erstmals können sich gut betuchte Stammgäste gegen Geld einen reiskorngroßen Chip in den Arm spritzen lassen, der die Funktion der Geldkarte übernimmt: Indem sie sich an einem Lesegerät vorbeibewegen, können sie damit künftig ihre Zeche begleichen. Das elektronische Implantat stammt vom amerikanischen Hersteller VeriChip mit Sitz in Delray Beach in Florida. Mehrere Hundert Menschen tragen es in Europa und den USA. Genaue Zahlen hält VeriChip unter Verschluss. 2004 hat die amerikanische Arzneimittel-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) den Gebrauch des Chips genehmigt.

Es ist ein erfolgreicher Abend für Baja Beach. Zu Hunderten strömen die Nachtschwärmer in den Club. Steve van Soest ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und der Marketingleiter der Diskothek. Ihm reicht es nicht, die Aktion nur in die Wege geleitet zu haben, er will sich selber "chippen" lassen.

Ein kurzer Piks und die Glaskapsel steckt in seinem Trizeps. Sie enthält einen winzigen Funktransponder, einen sogenannten passiven Radio Frequency Identification (RFID) Chip. "Es tut mehr weh, sich einen Ohrring stechen zu lassen", findet van Soest. Noch am selben Abend lädt er vierhundert Euro auf sein Konto. Das Guthaben wird in einer Datenbank gespeichert, nicht auf dem Chip selbst. Sobald ein gechippter Gast an einem Lesegerät am Eingang oder an der Bar im VIP-Bereich vorbeigeht, funkt das Gerät ein Signal an den Chip, und dieser antwortet daraufhin mit einer 16-stelligen individuellen Kennziffer. Ohne das Signal des Scanners bleibt das Implantat indes stumm. Nach dem Frage-Antwort-Spiel zwischen Lesegerät und Chip kann auf das Guthaben des Gastes in der Datenbank zugegriffen und der Preis für Bier oder Cocktail abgezogen werden.

Der spanische Baja Beach Club ist die erste Diskothek weltweit, die 2004 mit dem implantierten Chip Schlagzeilen macht. Danach tourt die Idee durch Europa. Die "Bar Soba" in Glasgow bietet den Gästen die Chipspritze an und auch der niederländische Ableger des Baja Beach Club in Rotterdam. Sogar die populäre Fernsehserie "CSI: Miami" greift die Technologie für eine Folge auf.

Doch auch die Gegner der Funk-Identifizierung werden auf die VeriChip-Technologie aufmerksam. Einer der prominentesten unter ihnen ist die Datenschutzexpertin Katherine Albrecht. Sie hat bereits 1999 die Bürgerbewegung Caspian (Consumers Against Supermarket Privacy Invasion and Numbering) gegründet. Als ein Bekannter ihr erzählt, seine Bulldogge sei an Krebs verendet, der um einen Funkchip herumwuchs, ist sie sofort hellhörig. Solche elektronischen Marken werden Millionen von Haustieren in den USA seit den neunziger Jahren gespritzt und gleichen in ihrer Bauweise den Transpondern von VeriChip. Albrecht stellt Nachforschungen an und stößt schnell auf einen zweiten krebskranken Hund mit Transponder. Sie findet acht wissenschaftliche Studien mit Hinweisen, dass bei bis zu zehn Prozent der Versuchstiere mit Implantat um den Chip bösartige Tumoren wuchsen. Die Geschwüre bildeten teils Metastasen und führten oft zum Tod der Tiere.

Keith Johnson, emeritierter Pathologe und Autor einer der Studien, ist überzeugt: Die RFID-Chips sind die Ursache für das bösartige Gewebe, das sich stets um das Implantat ballt. Andere Krebsforscher zeigen sich ebenfalls alarmiert. Sie vermuten, dass es sich entweder um eine Abwehrreaktion des Körpers gegen das Implantat handelt oder dass die elektromagnetische Strahlung die Entartung der Zellen direkt fördert. Wie werden sich nach solchen Anzeichen bei Tieren die Funk-Implantate erst im menschlichen Körper auswirken, fragt sich die Anti-RFID-Aktivistin Albrecht und weist die FDA auf ihre Bedenken hin. Doch eine Reaktion bleibt aus.

Als sie die Presse informiert, stürzt sich diese im September 2007 auf die Nachricht vom mutmaßlich krebserzeugenden Funkchip. Die Aktien der Firma VeriChip fallen von 12 US-Dollar ins Bodenlose, und das Unternehmen gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Einige Betroffene mit implantiertem Chip lassen sich Albrecht zufolge aus Angst vor Krebs das Implantat herausschneiden. Das erweist sich jedoch als schwierig, weil die winzige Glaskapsel im Gewebe wandert und daher in das Narbengewebe eingewachsen sein kann.

Doch die VeriChip-Technologie überlebt die Aufregung. Noch im selben Jahr ändert das Unternehmen den Produktnamen von "VeriChip" in "Health Link Chip" um und preist das Produkt bei US-Krankenhäusern für Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Demenz, Epilepsie, Herzkrankheit oder Diabetes an. "Diese Menschen können sich im Notfall vermutlich nicht mitteilen", argumentiert VeriChip-Pressesprecherin Allison Tomek. Für die Patienten soll deshalb ein Chip im Körper sprechen, der mit ihrer Gesundheitsakte in einer Datenbank verknüpft ist. Sobald sie gescannt werden, kann auf persönliche Daten und medizinische Informationen im Computer zugegriffen werden, vorausgesetzt, das Krankenhaus ist mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet. Laut Tomek tragen inzwischen 500 Patienten in den USA den Barcode im Arm. Ganze 150 US-Dollar koste der Chip samt dem Zugriff auf die Datenbank für ein Jahr, teilt die Pressesprecherin mit.

Dass sich die RFID-Technologie in Krankenhäusern ausbreitet, ist nicht überraschend. Allerdings empfehlen die meisten ihren Patienten dafür kein Implantat, sondern hängen ihnen das Funketikett lediglich um den Hals oder befestigen es am Handgelenk. Die Überwachten können so den Chip gleichwohl abnehmen und selber entscheiden, wann sie von der digitalen Krankenakte Gebrauch machen wollen. Der Vorteil der implantierten Funketiketten besteht lediglich darin, dass sie Identitätsdiebstahl erschweren.

Dieser Vorzug hat im kriminalitätsgeplagten Mexiko findige Geschäftsleute zu einer ganz neuen Geschäftsidee inspiriert. Die mexikanische Firma Xega mit Sitz in Querétaro verkauft einen implantierbaren Chip namens "VeriChip" und wirbt damit, dass mit der Technik Entführte leicht identifiziert werden können oder deren Verschleppung gar verhindert werden kann. Das Unternehmen bietet ihr Implantat zusammen mit einem GPS-Peilsender an, der am Fußgelenk getragen wird. Laut Xega-Chef Diego Kuri haben sich in dem Land, in dem Entführung einen Wirtschaftszweig darstellt, bis heute schon 3000 potenziell gefährdete Personen das Anti-Entführungskit gekauft.


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