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Der Herr der Dübel

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Foto: Peter Melbourne Mayr

Foto: Peter Melbourne Mayr

Man kann sich den Ablauf seines nächsten Geburtstages in etwa so vorstellen: Morgens wird seine Frau ihm sagen: Artur, du musst heute den neuen Anzug anziehen - und bitte auch eine andere Krawatte als gestern! Und Artur Fischer wird das erste Mal grummeln. Auf dem Weg in die Firma, natürlich wird er auch an diesem Tag in die Firma fahren - Was heißt schon Geburtstag? Was heißt Silvester? Ich fahre jeden Tag in die Firma! ?, wird er das Radio ausdrehen, weil er die Lokalnachrichten nicht hören mag: Artur Fischer, ein Sohn unserer Stadt und der weltbekannte Erfinder des Dübels, wird heute 85.

Im Büro werden ihn Laudatoren, Gratulanten und vielleicht auch ein paar Wichtigtuerle erwarten, und immer wieder muss er sich aus klebrigen Lobeshymnen herauswinden, weil er Angst hat, sie machten Gicht oder blöd oder beides. Spätestens gegen Mittag wird Artur Fischer sich davonstehlen und dringend etwas in seiner Entwicklungswerkstatt zu tun haben, ganz dringend. Dort warten dann Blaumänner und Werkzeugmeister auf ihn, solche, die noch mit der bloßen Hand eine Schraube in den Dübel drehen können. Dort, endlich, ist er dann zu Hause. Kann seine neuesten Versuche starten, gucken, woran die letzten gescheitert sind, und sich so lange pudelwohl fühlen, bis seine Sekretärin, Frau Waible, herunterkommen und mahnen wird: Professor Fischer, Sie sollten jetzt aber wirklich zu dem Empfang...

Gäbe es einen Studenten, der ihm für diesen Tag den Grüßaugust mimen würde, Artur Fischer würde ihn noch heute verpflichten. "Meine Eltern haben nie viel gelobt", sagt er, "meine Mutter sagte höchstens ,ja? oder ,isch recht?."

Dass aus diesem fleißigen, pietistischen, aber armen Elternhaus trotzdem einer der genialsten Erfinder Deutschlands - ach was, was soll der Geiz - der genialste, weil vielfältigste, weil fleißigste deutsche Erfinder aller Zeiten wurde, zeigt, dass Förderung nicht immer verbal sein muss, dass Erziehung nicht materiell funktioniert, dass Talente sich immer ihren Weg bahnen, egal, in welcher Umgebung sie gedeihen.

Fischer hat ein paar Erfindungen weniger als Thomas Edison, "aber Edison ist tot, und ich lebe", pflegt er zu feixen, "und außerdem mag ich mit Edison nicht verglichen werden. Der hat die Erfindung der Glühbirne geklaut, seine Glühbirne hat nämlich nicht funktioniert. Und mit einem, der klaut, mag ich nicht verglichen werden."

Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses nennt Fischer 1080 Erfindungen und weltweit 5867 Schutzrechte sein Eigen, seien Sie sicher, wenn Sie diesen Artikel lesen, sind es schon wieder ein paar mehr. Dass er den legendären fischer S-Dübel erfand, wäre bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" die 300-Euro-Frage. Für 500 Euro müsste man wissen, dass er auch der Vater der gleichnamigen Fischertechnik-Baukästen ist, sie waren einst als Geschenk für Kinder von Geschäftsfreunden gedacht. 1000 Euro für das Blitzgerät für Fotoapparate mit synchroner Auslösung, 2000 für Dübel zum Fixieren von Knochenbrüchen und 4000 für seine jüngste Marktidee: ein kompostierbares Kinderspielzeug aus Kartoffelstärke.

Fotografie, Handwerk, Medizin, Kinderspielzeug - das Verspielte und Universelle seines Wesens zeigt sich in der Vielfalt seiner Erfindungen, nicht in den einzelnen, ausgetüftelten Welterfolgen. "Ha, noi! Sagen Sie nie ,tüfteln?", unterbricht Fischer. "Ich bin kein Tüftler und bin auch eitel genug, um auf dem Unterschied zu beharren. Ein Tüftler erfindet quasi aus Versehen oder für den Eigenbedarf. Erst ein Erfinder denkt von Anfang an auch an die Vermarktung und den Vertrieb. Tüftler sind keine Erfinder aus Berufung."

Man muss ein bisschen sein Leben kennen, um zu verstehen, warum hinter diesem Satz buchstäblich heiliger Ernst steckt. Und warum Artur Fischer bei aller Fröhlichkeit, Verschmitztheit und guten Laune, die er lebt, das Erfinden so ernst nimmt wie nichts auf der Welt.


Am 31. 12. 1919 in Tumlingen geboren, ein kleiner landwirtschaftlich geprägter Ort mitten im Schwarzwald. Sein Vater ein Schneider, der eher recht als schlecht seine Familie unterhalten konnte. "Aber sehen Sie mich auf dem Foto? Ich bin der im Matrosenanzug. Ich hatte immer einen Matrosenanzug und war der Einzige, der Bundfalten in der Hose hatte." Seine Mutter, liebevoll, energisch und patent, verdiente mit dem Bügeln von Pfarrers Beffchen Geld dazu: 10 Pfennig pro Beffchen, plus 10 Pfennig fürs Austragen. "Aber ich bekam Harmonium-Unterricht für fünf Mark die Stunde", zählt Fischer auf. "Und als ich das Aquarium von meinem Lehrer nachbauen wollte, bekam ich auch das Geld für das Material. Man hat in unserer Familie ein Interesse daran gehabt, dass aus uns was wird."

Die Bücher des Philosophen und Erfinders Max von Eyth verschlang er, samt Papier und Einband. Die Ansichten des schwäbischen Ingenieurs und Schriftstellers zitiert Fischer noch heute: "Schon die ältesten Völker, von denen wir geschichtliche Nachrichten besitzen, waren sich bewusst, dass auch die einfachsten Dinge erfunden werden mussten - und erfanden sich die Erfinder dazu. Dass sie die Bedeutung des Erfindens, mehr als es später geschah, zu schätzen wussten, beweisen die sagenhaften Berichte von alten Erfindern."

"Eyth hat einfach gewusst: Eine Orchidee blüht nicht im Keller", sagt Fischer, "und seine Ansichten über das Erfinden haben mich beeindruckt und geprägt." Artur ging auf die Volksschule und wechselte später sogar auf die Realschule, trotz Schulgeld, trotz langen Schulwegs, trotz seiner Proteste. "Meine Mutter musste für das Schulgeld ordentlich schuften, und als sie eines Tages vom Plätten eine Sehnenscheidenentzündung im Arm hatte, sah ich meine Chance: Ich durfte die Schule verlassen und eine Lehre machen."

Die Eltern suchten einen Bauschlosserei-Betrieb in Stuttgart für ihren ältesten Sohn aus, und 1934 lernte Artur den "Flitter einer Großstadt" kennen. Und nicht nur den. "Es war furchtbar. Entsetzlich. Ich hatte solches Heimweh", er leidet, wenn er das erzählt, noch heute, mit 84 Jahren, mit dem frisch Konfirmierten von damals. Der schreibt dem Vater einen flammenden Brief, im festen Glauben, dass er auch diesmal von seinen Eltern beschützt wird. Und zum ersten Mal in seinem Leben trifft er auf Widerstand. Der Vater antwortet: "Mein lieber Sohn, selbstverständlich darfst du jederzeit heimkommen. Sei aber versichert, dass ich dich nicht in mein Haus lassen werde, wenn du anklopfst. Dein dich liebender Vater." "Dein dich liebender Vater, ich fand damals da nix ,liebend? dran", sagt Fischer. "Heute weiß ich: Er hatte Recht. Widerstand muss gebrochen werden."

Es wird eine der leisesten und prominentesten Tugenden zugleich, die der Vater seinen Sohn mit diesem Rauswurf lehrt. Artur Fischer wird nie wieder in seinem Leben Widerstand als etwas Unbezwingbares empfinden. Widerstand wird integraler Bestandteil seiner Berufung, dem Erfinden. Von Eyth schreibt: "Nicht die Not macht erfinderisch, sondern die Erfindungen haben die größte Not, den Widerstand zu überwinden, mit dem ihnen eine wohl geordnete, im Großen und Ganzen selbstzufriedene Welt von allen Seiten entgegentritt."

"Als ich im ersten Lehrjahr den Berufswettkampf der Schlosser gewann, hat mir mein Vater versprochen: Gewinnst du ihn nächstes Jahr wieder, bekommst du eine Uhr von mir geschenkt. Im nächsten Jahr fehlten mir drei Punkte zum Sieg. Aber im übernächsten Jahr gewann ich. Doch da bekam ich die Uhr auch nicht. Vater sagte: Die war nur für das zweite Lehrjahr ausgesetzt, du hast aber im dritten Lehrjahr gewonnen." Das war die Erziehung des ihn liebenden Vaters.


1938 wurde er zum Wehrdienst eingezogen. Für eine Fliegerkarriere war er zu klein und hatte zu schlechte Augen. Aber durch seine Gewitztheit wurde er Offiziersausbilder. Später kam er zu der Fliegerei und wurde Angehöriger der 10. Fallschirmspringerdivision.

Nach dem Krieg: englische Gefangenschaft, Flucht und schließlich, 1947, die Arbeit als technischer Assistent bei einem Ingenieur in Freudenstadt. Sein Leben begann. 1948, ein Jahr nach seiner Hochzeit: Gründung der eigenen Firma und Geburt der Tochter. Dass der Fratz auf die Welt kam, ist für jeden Fotografen noch heute ein großes Glück. Die herbeigerufene Fotografin weigerte sich, in dem dunklen Heim ein Bild zu schießen. Sie fürchtete, mit ihrem Pulverblitz die enge Mansardenwohnung in Brand zu setzen. Fischer erfand 1949 den ersten synchron arbeitenden Blitz am Fotoapparat, die Knöpfe zum Auslösen des Blitzes lötete Mutter Fischer auf dem heimatlichen Herd. Die Erfindung: eine Sensation, Agfa kaufte die gesamte Produktion und die Vermarktungsrechte.

Neun Jahre später erfindet Fischer die Gelddruckmaschine, pardon: den Dübel. Das heißt, eigentlich verbessert er ihn nur - das aber grundlegend. Frühe Vorläufer des Dübels gab es schon im Mittelalter, damals waren sie aus Blei, später wurden sie aus Holz gefertigt, und die Dübel, die nach dem Krieg auf dem Markt waren, bestanden aus einer Hanfstange mit einer Blechhülle. Furchtbar unpraktisch: Blech dehnte sich nicht richtig im Bohrloch aus und muss maßgeschneidert sein, damit es ins Bohrloch passt. "Kommen Sie mal mit, wir gehen in meinen Keller, und ich zeige Ihnen, wie ein Dübel funktioniert." Fischer strahlt, er schießt voraus durch die Gänge, als wäre er keine 84, grüßt hier, fragt dort und ist endlich, endlich auf Wolke Sieben: im Keller. "Da, jetzt bohren Sie einmal ein Loch, und dann zeige ich Ihnen das Prinzip des Dübels." Das besondere war damals das Material. Nylon war extrem teuer, hatte aber den Vorteil, dass es witterungsbeständig, wärmeresistent und dehnbar ist. Durch den fehlenden Anschlag konnte der Dübel erstmals auch tief ins Loch wandern und war so für alle Lochtiefen verwendbar. Die ankonstruierten Seitenzähne machten den Dübel für hartes und weiches Material geeignet: Im Beton dehnte sich der Dübel in den Zahnzwischenräumen aus. Schließlich noch das, was die Konkurrenz die "Dübelschwänzchen" nannte: Die zwei abstehenden Sperrzungen verhinderten beim Fischer-Dübel das Durchdrehen des Dübels und kompensierten auch falsche Schraubentypen in seinem Gewinde. "Ich find' dein Schwänzchen lustig", sagte einst ein Konkurrent zu Fischer, "ich auch", grinste der zurück und freute sich, dass die Konkurrenz noch nicht mal das Prinzip der Sperrzungen verstand.

Leider war es nicht nur die Konkurrenz, die nicht verstand. 1963 stand der Fischer-Dübel unter Beschuss. Er sei nicht mehr für Außenwandarbeiten zu verwenden, hieß es, zu unsicher, zu witterungsanfällig. Nach einem fulminanten Start eine veritable Katastrophe. "Ich habe dann überlegt, wo die ältesten Dübel von uns installiert waren. Das war im Reichssportpalast in Berlin", erzählt Fischer. "Also bin ich nach Berlin gefahren und bat einige TÜV-Ingenieure, meine Dübel in dem Bau zu prüfen. Nach ein paar Stunden kamen sie zurück und sagten: Herr Fischer, die alten Dübel sind noch besser als die frischen, die haben sich so in den Beton gefressen, die halten!" Heute werden jeden Tag sieben Millionen Dübel in Waldachtal-Tumlingen produziert, immer noch aus dem selben Material wie ganz am Anfang.

"Und sehen Sie hier, hier ist die Verbindung zu dem Nylon-Spritzteil, der hält zum einen den Dübel an der Gussform, und zum anderen verhindert diese Verbindungshaut, dass der Dübel vorzeitig aufgeht." Wenn Artur Fischer in der Werkshalle steht, können ihn die Werksmeister und Terminmacher dezent oder deutlich antreiben - den Meister stört es nicht. Immer wieder greift er in die Laufbänder und klaubt einen heiß gespritzten Dübel heraus, oder er fragt sich durch die Belegschaft: Wann geht es in den Urlaub, wie läuft es daheim? Und stets hört er so interessiert zu, als bräuchte er den Urlaub, als sei ihm das Privatleben und das Heim das Wichtigste im Leben. Ist es, definitiv, nicht.

Obgleich er kein monobegabter Mensch ist: Er liebt, früher aktiv, heute passiv, die Segelfliegerei, er liebt die Jagd, "aber auch das mache ich heute nicht mehr gern. Je näher man dem schwarzen Tor entgegentritt, umso mehr Scheu hat man zu töten." Er malt. Öl, Aquarell, Kreide, nennt seine Bilder "Farbkompositionen", um ja nicht durch Eitelkeit träge zu werden. Und doch: Er weiß um seine Talente und pflegt jedes einzelne. "Es dauerte ein Weilchen, aber irgendwann habe ich begriffen: Ich bin eine Bereicherung für die Menschheit", sagt Fischer.


Man muss ihn kennen, man muss erleben, dass er niemals vor Frauen die Treppe herauf- oder heruntergehen würde, dass er Gäste stets bis ans Auto bringt, dass er keinen auch nur eine Minute bei Terminen warten lässt, all dies muss man wissen, um den Satz nicht fälschlich als arrogant zu lesen, sondern vielmehr als tiefe Demut und Verbeugung.

"Erfindungen kommen aus der Tiefe der Seele, das kann man nicht lernen", "man muss als Erfinder einen Bezug zu einer schöpferischen Macht haben", "Erfindungen sind auch immer Auftrag" - wenn Fischer über seine Motivation spricht und er ausnahmsweise mal nicht in der Werkshalle steht, sondern vielleicht bei einem Glas Rotwein am Tisch sitzt, dann wird seine Stimme, die in der maschinenlauten Fabrik sonst wispert und flüstert, auf einmal laut und kräftig und klar. Es geht ihm um Religiosität, nicht Religion. "Die Kirche ist mir mit ihrer Macht suspekt", sagt er. "Es ist auch egal, welcher Religion man angehört, aber wer das Schöpferische in seiner Arbeit nicht spürt, macht sie nicht gut."

Gott sein im Mini-Mini-Bonsai-Format, irgendwann begreift man, dass Erfinden wirklich Fischers Leben ist. Im doppelten, im metaphysischen Sinn. "Kennen Sie den Spruch: ,Nur Fliegen ist schöner?? Den sagt man ja manchmal. Ich sage Ihnen was: Erfinden ist noch schöner."

Das Beglückende ist Unglück zugleich: Wer versteht schon, wenn seine Dübel nach eineinhalbjähriger Weiterentwicklung ganze fünf Kiloponds mehr tragen? Wer sieht die existenzielle Notwendigkeit, so lange an Kartoffelstärke herumzumanschen, bis der klebrigste, wirklich der klebrigste Stoff entsteht? Wer würde mit ihm tauschen und auch mit fast 85 Jahren jeden Tag in die Firma gehen, einfach, weil er muss?

"Na ja, man muss auch sagen: Junge Erfinder haben es heute nicht leicht", wehrt Fischer ab. Zwar gebe es heute alles, was eine Innovationsfreudigkeit suggeriere: eine Erfinderschule, Erfindermessen, Innovations-Tage, Fischer selbst spendiert Erfinderpreise, "aber das Klima ist schlecht. Wenn Patentanmeldungen absurd teuer sind, wenn man nur darauf achten muss, dass die Konkurrenz nichts klaut, wenn eine Politik gemacht wird, die für Erfindungen nichts übrig hat, dann bringen die vielen kleinen Unterstützungen auch nichts."

Artur Fischer löst das Problem auf seine Weise: Er erfindet weiter, will Edison überholen. 1980 übergab er seinem Sohn Klaus die Unternehmensführung; seitdem ist die Aufgabenverteilung klar: Der Junior ist zuständig für weltweite Expansion, der Senior für regionale Motivation und Innovation. "Der Nachfolger muss beides haben dürfen: Erfolg und Misserfolg", sagt Fischer. "Es ist wie in der Natur: Man muss mit Wind und Wetter zurechtkommen lernen, deswegen halte ich mich da heraus."

In Horb gibt es seit 2001 den jüngsten Firmensitz: eine Produktions- und Entwicklungshalle für Automobilzubehör. Die Kunden sind unter anderem Audi, VW, Honda und Volvo. 410 Mitarbeiter arbeiten daran, Kassettenaufbewahrsystemen ein ansehnliches Äußeres zu verleihen, Sektglashaltekonstruktionen nicht wie Sektglashaltekonstruktionen aussehen zu lassen und Getränkehalter so zu konstruieren, dass sie auch klebrige Cola aushalten. Artur Fischer steht vor dem Gebäude und erklärt das Prinzip dieser Autozubehörteile: "Das Weiche ist das Sympathische, das Langsame. So eine Konsole muss einem entgegenkommen, sie darf nicht knallen, deswegen ist dort Hart- und Weichkunststoff eingebaut." Er formt mit den Händen das Entgegenkommende, Weiche, Sympathische so lustvoll nach, dass man sich fragt, ob es spezielles Ingenieurs-Viagra gibt.


Bei Fischer sind es wahrscheinlich die selbst gemalten Bilder, die da und dort im Betrieb hängen. Und der vielstimmige Mittagschor, der in mittelständischen Betrieben nie verschwindet: Mahlzeit, Mahlzeit, Mahlzeit.

Gibt es denn irgendwo auch eine Leiche im Keller des Erfinders? Einen schäbigen Misserfolg, der die vielen Erfolge umso strahlender und nachdrücklicher leuchten lässt? "Einmal wollten wir ein Bauklotzsystem in Konkurrenz zu Lego aufbauen. Unglücklicherweise füllten wir die Bauklötze mit Glasperlen. Die Bauklötze machten so einen Lärm, dass Kinder sie liebten, aber nicht ihre Eltern", erzählt Fischer und zählt auf, was sich noch alles nicht hat in bare Münze verwandeln lassen: ein Ingenieur-Steckspiel für Berufsschulen ("War den Lehrern zu anstrengend, hinterher alles wieder auseinander zu bauen"), eine Eierköpfmaschine ("Eier sind zu unterschiedlich groß und haben zu unterschiedlich dicke Wände") - im Laufe des Lebens wird die Erfahrung größer, was funktioniert und was nicht.

1997 entdeckte er bei einem Preisausschreiben junger Unternehmer eine Idee, die nicht prämiert wurde: Wie macht man aus Stärke ungiftiges Kinderspielzeug? Ein paar Monate später, ein paar Enttäuschungen später, denn natürlich interessierte sich auch die Konkurrenz für die Idee, hat Fischer die Schutzrechte auf die Werkzeuge zur Stärkegewinnung. Es funktioniert im Grunde wie bei Thüringer Klößen: Aus Kartoffeln wird Wasser und Nährstoff so lange herausgepresst, bis die bloße Stärke übrig bleibt. Aus diesem Material kann man, wenn man Wasser dazufügt, ein ungiftiges, kompostierbares Spielzeug machen. Eingefärbt und mit Bearbeitungswerkzeugen versehen - ein Komplettspielzeug für das Wichtigste eines jungen Erfinders: Spieltrieb und Fantasie.

Heute lebt die Fischer-Gruppe großteils von den Dübeln, die immer noch verbessert, immer noch verfeinert werden und die das Unternehmen auch in Krisenzeiten sicher durch die Einnahme-Ebbe bugsieren. Aber auch der Automobilzubehörzweig ist wichtig, und schließlich: Fischer selbst kann es nicht lassen und bastelt und denkt und tüft... - pardon: erfindet. Sein allerjüngster Einfall wird wieder die Baubranche erfreuen, was es ist, darf aber noch nicht verraten werden.

Was soll man noch schreiben über den Guru, der in Technikerkreisen Vorbild ist und sich dennoch nicht geriert, als hätte er die Weisheit in sein Büro geschraubt. Über den Mann, dem man tagelang zuhören kann, weil er erzählt, wie er lebt: mitreißend, pausenlos, uneitel.

Was soll man schreiben über Artur Fischer? "Schreiben Sie: Artur Fischer hat sich im vergangenen Winter seinen Kindheitstraum erfüllt und sich eine Modelleisenbahn gekauft. Das würde mich freuen, wenn ich es lese."


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