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Die Reparatur-Rebellen

Umwelt
Die Reparatur-Rebellen

Ob Waschmaschine, Flachbildfernseher oder Smartphone – viele Produkte gehen vorzeitig kaputt. Dann heißt es meist: neu kaufen. Doch viele Konsumenten akzeptieren das nicht mehr und helfen sich selbst.

Zufall oder Absicht? Der Flachbildfernseher bleibt dunkel. Die Waschmaschine pumpt nicht mehr ab. Der Drucker druckt nicht mehr. Geräte, die vorzeitig ihren Dienst aufgeben, hat wohl jeder schon einmal erlebt. Früher hieß es dann: Selber schuld – wer billig kauft, kauft teuer. Doch diese einfache Rechnung gilt heute nicht mehr.

Geplante Obsoleszenz ist der Begriff, der seit ein paar Jahren für Aufruhr sorgt und Verschwörungstheoretiker-Instinkte bedient. Der Vorwurf: Hersteller würden ihre Produkte mit Absicht vorzeitig altern oder gar kaputtgehen lassen, indem sie ihnen Sollbruchstellen einbauen. Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht, schließlich haben sie es schon einmal getan: In den 20er- Jahren verständigten sich die großen Glühbirnen-Hersteller Osram, Philips und General Electric in einer geheimen Absprache darauf, die Glühdrähte in schlechterer Qualität zu produzieren. Diese berühmte „Glühbirnenverschwörung“ ist bis heute das bekannteste Beispiel für geplante Obsoleszenz. Aber es gibt noch weitere: Die ersten Nylonstrümpfe zum Beispiel waren so gut, dass sie kaum Laufmaschen bekamen. Zu gut, fand der Chemiekonzern DuPont und wies seine Wissenschaftler an, sie weniger haltbar zu machen.

Ein belegtes Beispiel für geplante Obsoleszenz sind auch Laser- und Tintenstrahl-Drucker von HP, Epson, Canon und Brother, in denen ein kleiner Chip die Seiten zählt. Nach einer gewissen Anzahl legt er den Drucker lahm und zwingt den Konsumenten, das Gerät in die Wartung zu geben. Dort drückt ein Techniker dann eine geheime Tastenkombination, die den Chip wieder auf null setzt. Und der Konsument zahlt.

Doch solche Tricks fliegen nicht immer auf. Es sind aber oft Kleinigkeiten, weswegen Geräte aufhören zu funktionieren und auf den Müll wandern, weil sich die Reparatur angeblich nicht mehr lohnt. Michel Devezeau kennt sich aus mit Druckern. Gerade hat er seine Hände in einem Multifunktionsgerät von Hewlett-Packard, das scannen, kopieren und drucken kann. Besser gesagt: konnte. Devezeau wischt mit einem Finger über das flache Leiterband, an dem der Druckkopf normalerweise hin und her gleitet. Dann schaut er prüfend auf seine Fingerkuppe – sie ist nicht sehr viel schmutziger als vorher auch. „Hm“, murmelt er in seinen Bart, „das war es also nicht“. Dreck, so Devezeau, sei meistens der Grund, warum Tintenstrahldrucker streikten. Dieser hier aber hat offenbar ein anderes Problem.

Michel Devezeau sitzt an Station 4 des Repair Cafés in Celle. Hier behandelt er kranke Drucker. Am Nachbartisch, an Station 3, zerlegt Manfred Werner eine Cappuccino-Maschine, und bei Nr. 1 hilft ein weiterer Herr einer jungen Frau, die Stehlampe ihrer Großmutter wieder zum Leuchten zu bringen. Das Repair Café Celle liegt im Keller des Bomann-Museums. Schon zum dritten Mal hat Uwe Rautenberg Bürger eingeladen, ihre defekten Geräte herzubringen und sie unter fachkundiger Anleitung selbst zu reparieren. „Die ersten beiden Treffen waren so erfolgreich, dass wir uns entschlossen haben, das Ganze fortzusetzen“, sagt Rautenberg.

Repair Cafés schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Ob in Berlin oder Bielefeld, Mainz oder München – immer mehr Menschen sehen nicht mehr ein, warum ihre Produkte nach nur wenigen Jahren nicht mehr funktionieren sollen. Ihren Ursprung hat die Bewegung in den Niederlanden. 2009 veranstaltete die Journalistin Martine Postma in Amsterdam das erste Reparaturtreffen. Es kam so gut an, dass zehn weitere folgten. Mittlerweile gibt es Repair Cafés in zahlreichen Ländern. Einigendes Dach ist das „Repair Manifesto“, das in elf Thesen die Ziele der „Repair-Bewegung“ formuliert. Die erste lautet: Don’t end it, mend it! – Schmeiß es nicht weg, reparier es!

Fast immer sind es Ehrenamtliche, die sich in den Repair Cafés engagieren. Rentner wie Michel Devezeau oder Manfred Werner, die jahrelange Erfahrung in Elektrotechnik und Maschinenbau mitbringen. Deren Wissen aber langsam verloren geht in einer Welt, in der weggeschmissen statt repariert wird – weil die Reparatur zu teuer geworden ist. (rot [1])


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http://www.heise.de/-1828121

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[1] mailto:rot@heise.de