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Frei im Raum

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Frei im Raum

(Bild: Standard Cyborg)

Die aktuelle iPhone-Generation bringt eingebaute Tiefenscanner mit. Was lässt sich damit anstellen?

3D-Scanner können Hunderte bis Zehntausende Euro kosten. Dabei steckt die notwendige Sensorik mittlerweile auch in einigen Smartphones und Tablets. Bei Apple haben die iPhones X, XS, XS Max und XR sowie das aktuelle iPad Pro ein sogenanntes TrueDepth-Kamerasystem. Das winzige System sitzt deutlich sichtbar am oberen Bildschirmrand und dient eigentlich der Gesichtserkennung zum Entsperren des Geräts oder zur Animation von Emojis ("Animojis").

Das Start-up Standard Cyborg hat die Technik nun mit seiner kostenlosen "Capture"-App als 3D-Scanner zweckentfremdet. Das funktioniert, weil das System Gesichter dreidimensional abtastet, um nicht von einem bloßen Foto überlistet zu werden. Dazu legt ein Punktprojektor ein unsichtbares Infrarotmuster auf das Objekt, eine Infrarotlampe beleuchtet es, und die Infrarotkamera nimmt das Signal auf.

Startet man nun die App und hält ein Objekt vor die Kamera, wird es zunächst automatisch freigestellt. Das funktioniert mal gut, mal weniger gut, je nach Komplexität des Objekts. Dann drückt man den Auslöser und dreht den Gegenstand langsam. Dabei werden die Finger allerdings gern mitgescannt. Sinnvoll wäre also die Anschaffung eines Drehtellers.

Um das Objekt herumzulaufen funktioniert angesichts der Tatsache, dass man die Kamera auf der Bildschirmseite nutzen und das Objekt gleichzeitig im Blick behalten muss, nur schwer.

Bei meinem Test brauche ich mehrere Versuche, um ein Brillenetui einigermaßen ordentlich einzuscannen. Einmal abgespeichert, kann man das Ergebnis frei im Raum drehen. Per iMessage lässt es sich mit Freunden teilen. Diese benötigen allerdings Geräte, die das sogenannte USDZ-Format verstehen – etwa aktuelle iPhones, iPads oder Macs mit Mojave-Betriebssystem. Nutzer können das gescannte Objekt außerdem mittels Augmented Reality (AR) in der Capture-App oder auf anderen iOS-Geräten frei im Raum platzieren und dann umrunden. Die AR-Darstellung ist derzeit leider nur in Schwarz-Weiß, was den Spaß schmälert.

Was ärgerlicherweise ebenfalls nicht geht, ist der Export für farbigen 3D-Druck. Die aktuelle Version 1.2.2 exportiert nur Monochrom-Files. Das Capture-Team verspricht aber, die Funktion demnächst freizuschalten und noch weitere Exportmöglichkeiten anzubieten. Notwendig wird dazu wohl die Anmeldung im Cloud-Dienst des Start-ups, der derzeit allerdings noch nicht der europäischen Datenschutz-Grundverordnung entspricht.

Zudem neigen die 3D-Objekte dazu, etwas löchrig auszufallen. Für einen sauberen Ausdruck dürfte also noch reichlich Nachbearbeitung nötig sein. Aber wie dem auch sei: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wer über mindestens ein iPhone X verfügt, sollte Capture – wenn auch nur zum Spaß – ausprobieren. Es weist eindeutig in die Zukunft des 3D-Scannings. Für Android-Geräte, die über ähnliche Hardware verfügen, soll die App übrigens auch noch kommen. Welche das sein werden, hat Standard Cyborg noch nicht verraten.

Produkt: Capture: 3D Scan Anything [1]
Hersteller: Standard Cyborg
Preis: kostenlos


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