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Immer im Kreis

Umwelt
Immer im Kreis

Öko ist schick: Selbst Designer reden immer häufiger über nachhaltige Produktgestaltung und Recyclingfähigkeit. Aber nehmen sie beides auch wirklich ernst?

Spektakulär sieht der "Think Chair" nicht gerade aus. Dabei hat der graue Bürostuhl mit der gewebebespannten Lehne und den fünf Rollfüßen den begehrten Designpreis red dot award gewonnen. Wenn der Hersteller Steelcase ihn als "Stuhl mit Grips" anpreist, ist das nicht übertrieben. Der Grips stammt vom Hamburger Designer Glen-Oliver Löw, der sich auf nachhaltiges Design spezialisiert hat.

"Der Stuhl wiegt nur halb so viel wie das Vorgängermodell, dann braucht man für den Transport deutlich weniger Energie", sagt Löw. Doch das ist längst nicht alles: Der Think Chair lässt sich so kompakt zusammenlegen, dass er in kleinen Kartons verschickt werden kann. Seine Bestandteile sind sortenrein in verschiedene Materialien zerlegbar. "Wir können 99 Prozent des Stuhls recyceln", freut sich Löw. Überdies bestehen gut 40 Prozent der Teile aus recyceltem Material. Seit Jahren gehen Designer mit dem Think Chair hausieren, um zu zeigen, dass sie sich um Nachhaltigkeit kümmern. So oft dient er als Paradebeispiel, dass sich der Eindruck aufdrängt: Er ist das einzige.

Leichtigkeit, Zerlegbarkeit, Recyclingfähigkeit – diese Eigenschaften fehlen immer noch vielen der zig Millionen Produkte, die Woche für Woche rund um die Welt konsumiert werden. Zu oft enthalten sie Schadstoffe, verbrauchen eine Menge Energie und landen am Ende auf Mülldeponien, wo ihre Materialien verloren sind. Dass dies in Zukunft immer seltener passiert, ist der Anspruch des Ökodesigns.

Die Allianz deutscher Designer AGD hat sich deshalb schon 2009 die Charta für Nachhaltiges Design gegeben. Von Verantwortung ist da die Rede, von Materialeffizienz, sozialer Verträglichkeit in der Herstellung und vielen anderen Zielen. Wer wollte denen widersprechen? Sie in die Praxis umzusetzen ist jedoch alles andere als leicht. "Das Design muss in bestehende Produktionsabläufe passen", sagt Dorothea Hess, Sprecherin der AGD-Arbeitsgruppe Nachhaltiges Design. Diese Abläufe lassen sich aber nicht einfach umbauen. Und auch die Designwelt habe "30 Jahre verschlafen", gibt Hess zu. Vielen Designern sei "öko" in den 70er- und 80er-Jahren zu politisch gewesen – stand der Begriff damals doch eher für eine teilweise militante Umweltbewegung, deren Kleidungsstil, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade geschmackssicher war.

Das ist passé: Öko ist heute Pop, Nachhaltigkeit gehört zum guten Ton. An passenden Konzepten, sie auch zu verwirklichen, mangelt es jedenfalls nicht. Dorothea Hess selbst, die ursprünglich aus dem Grafikdesign kommt, hat an der Ecosign/Akademie für Gestaltung in Köln das Projekt "Earthcolors" geleitet. Sie entwickelte mit Studenten ökologische Druckfarben. In ihnen sind nur umweltverträgliche Farbpigmente erlaubt, also Eisenoxid und andere Mineralpigmente. Farbstoffe aus der Petro- oder Chlorchemie scheiden aus – und damit auch poppige Farben wie Knallgelb, Knallrot oder Knallblau. Die neue Farbskala ist gedämpfter. "Man kann aber auch mit dieser Begrenzung ein attraktives Design machen", sagt Hess.

Ganz ohne Trade-off lässt sich Ökodesign offenbar nicht umsetzen. Ob damit auch zwangsläufig Verzicht verbunden ist, bezweifelt zumindest Michael Braungart vehement. Der Gründer des Beratungsunternehmens EPEA Internationale Umweltforschung vertritt die vielleicht radikalste Variante nachhaltigen Designs: das "Cradle to Cradle"-Konzept (C2C). Dabei führt der Lebensweg eines Produkts von der Wiege bis zur Wiege – aus der dann ein neues Produkt hervorgeht. Braungart kritisiert, dass das heute praktizierte Recycling meist ein "Downcycling" ist. Aus gebrauchtem Papier wird schadstoffhaltiges Altpapier, aus gebrauchtem Kunststoff graues Plastik. Mit Nachhaltigkeit hat das für den gelernten Chemiker noch nichts zu tun.

Er plädiert stattdessen für Materialien, die sich vollständig und ohne Qualitätsverlust weiterverwenden lassen – oder die einfach wieder in die Umwelt eingehen, ohne diese zu belasten. "Nährstoffe" nennt Braungart solche Materialien. Die stoffliche Warenwelt soll es der Natur gleichtun: "Die Hauptnährstoffe der Erde – Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff – befinden sich in einem beständigen Kreislauf. Abfall ist Nahrung", erklärt Braungart provokativ.

Das bedeutet: Die biologischen Nährstoffe sind organische Verbindungen wie Textilfasern, die wieder kompostiert werden könnten, die technischen sind Metalle oder spezielle Kunststoffe, die sortenrein wieder zurückgewonnen werden. Voraussetzung: Sie enthalten keine Rückstände von giftigen Katalysatoren und Schwermetallen. Würde diese C2C-Philosophie konsequent beherzigt, wäre ein Wachstumsverzicht unnötig. "Je mehr du kaufst, desto schneller kommst du voran", sagt Braungart – denn jedes in Umlauf gebrachte Produkt würde zu einer Rohstoffreserve für weitere Produkte.

Das klingt wie ein unhaltbares Heilsversprechen. Tatsächlich kommen solche Töne in Deutschland, wo Müllvermeidung schon fast ins kollektive Unterbewusstsein gewandert ist, nicht immer gut an. In den Niederlanden hingegen findet Braungart offene Ohren. Der Teppichhersteller Desso in Waalwijk etwa begann 2008, sein Produktdesign bis 2020 auf das Ökodesign umzustellen. Über ein Rücknahmesystem kommen alte Teppiche wieder in die Fabrik, wo Fasern und Trägerschichten getrennt und recycelt werden. Fasern aus Polyamid 6 beispielsweise lassen sich repolymerisieren. Aus dem gewonnenen Grundkunststoff entstehen anderswo Autoteile oder Parkbänke.

Die Umstellung auf das C2C-erfordert allerdings hohe Investitionen und sorgfältige toxikologische Untersuchungen der Ausgangsmaterialien. Ohne Transparenz bei den Grundstoffen ist Ökodesign und erst recht Cradle-to-Cradle-Design nicht möglich. Sie herzustellen ist bei einer Million bekannter Chemikalien eine Herkules-Aufgabe. Für viele der nach dem europäischen Chemikalienrecht REACH angemeldeten Stoffe gibt es keine ausreichenden toxikologischen Dossiers. Gemeinsam mit Material ConneXion, einer Beratungsfirma für nachhaltige Produktentwicklung, baut Michael Braungarts Institut derzeit eine eigene Positivliste auf. Um dort Eingang zu finden, müssen toxikologische Tests aus unabhängigen Labors unter anderem zeigen, dass die Materialien weder krebserregend noch giftig für Tiere sind und sich biologisch abbauen lassen.

"Wir haben jetzt 40 C2C-zertifizierte Materialien in unserer Bibliothek", sagt Karsten Bleymehl, Direktor für Materialforschung in Köln. Das ist wenig. Sind Kunststoffe schon eine Herausforderung, sieht es bei Metallen in Elektronikprodukten noch schwieriger aus. Metallurgische Verfahren, um sie aus Elektroschrott herauszulösen, gibt es zwar schon. Das belgische Unternehmen Umicore oder die Hamburger Aurubis gewinnen so Kupfer und Edelmetalle zurück. Doch fehlt es gerade komplexen, mit Elektronik ausgestatteten Produkten an einem konsequenten Ökodesign. In Autos etwa befinden sich viele Leiterplatten in der Karosserie. "Da kommen Sie kaum ran", sagt Christian Hagelüken, Recyclingexperte bei Umicore. "Ein C2C-Design wäre wichtig, um an die relevanten Bauteile zu gelangen."

Die Ecodesign-Richtlinie der EU berücksichtigt solche Anforderungen noch gar nicht. Sie erfasst zwar mehr als 30 Produktgruppen, zielt aber allein darauf ab, den Material- und Energieeinsatz der Geräte zu senken. Die EU scheue sich noch, den Cradle-to-Cradle-Ansatz in die Richtlinie einzubauen, meint Desso-Experte Rudi Daelmans. Michael Braungart setzt allerdings nicht auf die Politik. Viel wirksamer sei die drohende Rohstoffknappheit, denn "jetzt werden Unternehmen zu Rohstoffbanken". Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, dürfte das Ökodesign endgültig zum Renner werden.


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