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Kampf gegen Windmühlenflügel

Umwelt
Kampf gegen Windmühlenflügel

(Bild: Jfga / Wikipedia / cc-by 3.0)

Nicht nur in Deutschland reagieren Eigenheimbesitzer panisch, wenn der Bau eines Windparks droht. Die Szene ist besser vernetzt als informiert – und an Pro-Wind-Argumenten wenig interessiert.

Theoretisch hätte die deutsche Windstrombranche beste Voraussetzungen, bei der Energiewende eine tragende Rolle zu spielen. Die Akzeptanz ihrer Anlagen ist 20-mal so hoch wie die von Atomkraftwerken. Laut TNS Infratest fanden 60 Prozent der Befragten voriges Jahr ein Windrad in der Nachbarschaft "gut" oder "sehr gut". Praktisch ist die Sache vertrackter. Dies bekommen gerade die Planer in Schleswig-Holstein zu spüren.

Die 2700 Turbinen des Bundeslands ernten bereits bis zu drei Gigawatt. Dieser Wert soll sich verdreifachen. Zwar waren nie alle Anwohner begeistert vom Bau der weißen Riesen, doch man arrangierte sich. Den Bürgerinitiativen gehe es "nicht darum, etwas zu verhindern, sondern um die eigene Betroffenheit", also darum, die Räder aus der unmittelbaren Nachbarschaft fernzuhalten, sagt Erk Ulich, im Ökostrom-Pionier-Landkreis Dithmarschen für die Regionalentwicklung verantwortlich. "Nimby" nennt sich dieses Phänomen: Not in my backyard, nicht bei mir im Hinterhof. Mit dem Ersatz kleiner Räder durch große und der Verdoppelung der Eignungsflächen für Neubauten steigt nun die Zahl betroffener Hinterhöfe kräftig an – und damit die Zahl der potenziellen Neinsager.

Einen Vorgeschmack darauf, was sich über der Branche zusammenbrauen könnte, bieten Recherchen des Berliner Vereins "BürgerBegehren Klimaschutz". Danach fanden in den ersten fünf Monaten 2012 in Schleswig-Holstein 14 Bürgerentscheide statt; nur vier davon gewannen die Anhänger der Windenergie. Die treibende Kraft in den Dörfern heißt "Gegenwind Schleswig-Holstein". Kompromisslos kämpt der Verein gegen Wind als Energiequelle. Aus Nimby wird Niaby – not in anybody's backyard. Gegenwind-Vorstand Frank Jurkat, der Fragen bis Redaktionsschluss unbeantwortet ließ, fordert laut "Husumer Nachrichten" sogar die Demontage aller bestehenden Windräder.

Von diesem Ziel ist der Verein weit entfernt, doch "Gegenwind" ist zum Markenzeichen einer informellen "Bürgerbewegung" mit Ablegern in acht Bundesländern avanciert. Auch international tauschen sich die Anti-Rotoren-Fundis rege aus – über die "European Platform Against Windfarms" (EPAW). Sie dient als Nachrichtenbörse für 536 Organisationen aus 23 Ländern, darunter 77 deutsche Gruppen. Beliebte These: Der Weltklimarat IPCC lügt, CO2 ist harmlos. Auch Gegenwind wettert über die "Klimahysterie" – ähnlich aggressiv wie die Nationale Anti-EEG-Bewegung.

Dominiert wird die EPAW von der Fédération Environnement Durable von Plattform-Chef Jean-Louis Butré. Beim Kampf um die Bewahrung des von Windturbinen bedrohten französischen Landschaftsbilds weiß der Pariser Naturschutz-Lobbyist neben Ex-Staatschef Valéry Giscard d'Estaing zwei frühere Spitzenmanager des AKW-Konzerns Électricité de France hinter sich, Marcel Boiteux und Christian Stoffaës. Auch in Nordamerika hat Butré Freunde; dort heißt das Bündnis NA-PAW. Fortschritte in der Windradtechnik, die uralte Vorbehalte entkräften würden, sind für Butrés Gefolgschaft kein Thema – im Gegensatz zu der Skandalmeldung, die Hühner im australischen Waterloo legten seit dem Bau "industrieller Windturbinen" dotterlose Eier. Schuld daran soll Infraschall sein, unhörbare Sub-Bass-Schwingungen von wenigen Hertz.

"Ausgekochter Blödsinn", schimpft Arno Zengerle, "man schürt die gleichen Ängste wie beim Mobilfunk." Der Bürgermeister der Ökostrom-Vorzeigegemeinde Wildpoldsried hört die bange Frage nach dem stillen Lärm oft, wenn er Gäste aus anderen Kommunen empfängt. Tatsächlich gleichen die Befindlichkeitsstörungen, denen sich die New Yorker Kinderärztin Nina Pierpont in ihrem Buch "Wind Turbine Syndrome" widmet, frappierend denen, die früher gegen Handysender in Stellung gebracht wurden: Schwindel, Übelkeit, Kreislaufstörungen, Tinnitus. Pierponts Buch basiert indes nicht auf einer streng wissenschaftlichen Studie, sondern auf anekdotischen Berichten weniger Patienten. Dagegen zeigen Analysen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit: "Nach heutigem Stand der Wissenschaft haben Windkraftanlagen keine schädlichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen." Infraschall dringt außerdem aus vielen Quellen, zum Beispiel aus Heizungsanlagen und Fahrzeugmotoren. "Bei allen anderen Maschinen ist er offenbar okay", wundert sich Zengerle, "nur nicht bei Windkraft."

Zwei Dinge gebe es, über die man ernsthaft reden müsse, sagt der grüne CSU-Mann, der vor zwölf Jahren die beiden ersten Bürgerwindräder auf einem Hügel einweihte: "Schall und Schattenwurf." Beide Probleme seien einvernehmlich lösbar. Ohne Lärmgutachten gehe heute nichts mehr, die als "Diskoeffekt" bekannte rhythmische Abschattung trete nur bei tiefstehender Sonne auf. Dann helfe ein Sensor, der den Rotor für ein paar Minuten stoppe, bis der Schatten das Haus passiert habe. Er sei aber besser, einen Abstand einzuhalten, bei dem diese Technik unnötig sei. Und was ist mit dem Totschlag-Argument des Dirigenten, Tierfreunds und Großgrundbesitzers Enoch Freiherr von und zu Guttenberg, Windräder seien "hocheffiziente Geräte zur Vernichtung von Vögeln und Fledermäusen"? Die Vögel passen sich an, hat Zengerle beobachtet: "Wir haben da oben mehr Brutpaare vom Roten Milan, als wir jemals gehabt haben." Selbst der Deutsche Naturschutzring stellt in einer Broschüre fest: "Die Windenergienutzung stellt kein großes Problem für die Vogelwelt dar."

Mit Nimby- oder Niaby-Jüngern hat Zengerle in seinem Ort keine Probleme. Auf der Rückseite der Hügelkette agitiert jedoch eine Bürgerinitiative, die Angst vor rückläufigen Touristenzahlen hat, gegen die Verspargelung des Allgäus durch die profitgierigen Energiebauern von Wildpoldsried.

Zu einer ähnlichen Gratwanderung könnten auch die Ausbaupläne in der norddeutschen Ebene werden. Regionalplaner Erk Ulich kennt Gegenden, in denen die Stimmung derzeit zu aufgeladen ist, um die Kontrahenten an einen Tisch zu bekommen: "Da ziehen sich Gräben durch die Gemeinde." Unermüdlich verweisen die Holsteiner Gegenwindler darauf, viele unter dem Etikett "Bürgerwindpark" vermarktete Projekte seien nur zu einem kleinen Teil von Ortsansässigen finanziert worden, die bei der üblichen Konstruktion mit GmbH & Co. KGs sogar einen Totalverlust riskierten. Zusammen mit der sich selbst nährenden Prophezeiung, die Einfamilienhäuser verlören massiv an Wert, sobald die Spargelschatten näherrücken, verunsichert diese Aussicht selbst Anwohner, die Windräder eigentlich mögen.

Zumindest die Sorge um den Wertverlust kann die TNS-Infratest-Studie jedoch ein wenig mindern. Der Umfrage zufolge hinterlassen Windräder nämlich keinen abschreckenden Eindruck – im Gegenteil: Ihre Akzeptanz ist bei Personen, die schon in der Nähe der Mühlen gewohnt haben, um neun Prozentpunkte höher als in der Gesamtbevölkerung.


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