zurück zum Artikel

„Können wir die Erde zerstören?“

Artikel
„Können wir die Erde zerstören?“

Der Chemiker James Lovelock (90) ist ein Mitbegründer der so genannten Gaia-Theorie, nach der die Erde als ein lebender Organismus betrachtet werden kann. Anfangs umstritten, bildet sie heute die wichtigste Grundlage für die Erdsystemwissenschaft. Das nachfolgende Interview ist in gekürzter Fassung in der aktuellen Februar-Ausgabe von Technology Review abgedruckt. Das Heft ist seit dem 28.1.2010 am Kiosk verfügbar oder hier [1] portokostenfrei online zu bestellen.

Technology Review: Professor Lovelock, wenn Sie wüssten, dass morgen die Welt unterginge, würden Sie heute ein Apfelbäumchen pflanzen?

James Lovelock: Gute Frage. Ich wünschte Sie hätten nicht "morgen" gesagt, denn mit so wenig Zeit hätte man wohl anderes im Sinn. Ansonsten Ja, denn ich bin in erster Linie Optimist. Ich habe übrigens vor 30 Jahren 20.000 Bäume gepflanzt, in guter grüner Absicht – inzwischen ist mir allerdings klar, dass dies ein kompletter Fehler war, ich hätte es nie tun sollen.

TR: Warum nicht?

Lovelock: Ich hätte das Land einfach liegen lassen sollen und Gaia die Bäume pflanzen lassen. Das System weiß viel besser, was für Bäume dort hingehören. Und da sich die Dinge nun für uns ändern: Die Bäume, die ich vor 30 Jahren gepflanzt habe, werden vielleicht für das kommende Klima nicht geeignet sein.

TR: Manche Wissenschaftler sagen ähnliches über Biodiversität: Das Aussterben von Arten sei vielleicht gar nicht so schlimm ist, sondern einfach der Lauf der Natur.

Lovelock: Dem stimme ich gänzlich zu. Ich glaube dass die Ansichten über Biodiversität - sie erinnern beinahe an die über Mutterschaft; sie ist heilig, wir müssen sie in Schutz nehmen – Unsinn sind. Die Evolution verändert die Erde. Und zwar so, dass sie bewohnbar bleibt, glaube ich.

TR: Könnte ich Sie bitten, Ihre berühmte Gaia-Theorie zusammenzufassen?

Lovelock: Gaia ist eine Evolutionstheorie, die Darwin ergänzt. Sie erkennt an, dass Organismen ihre Umgebung sowohl verändern als auch sich daran anpassen. Das ändert komplett die Regeln natürlicher Selektion, denn sobald Sie das in einfache Modelle einbeziehen oder auch nur darüber nachdenken, führt es zur Evolution eines bewohnbaren Planeten.

TR: Oft wird Ihre Theorie als dynamisches Gleichgewicht interpretiert, und daraus abgeleitet, dass der Planet sich – wie ein Organismus – selbst heilen werde. Nun aber warnen Sie, dass die Erde durch die globale Erwärmung auf eine Katastrophe zusteuert. Haben Sie sich damit selbst widerlegt?

Lovelock: Nein, im Gegenteil. Da die Evolution auf dem Gaia-Planeten eine Abfolge gefährlicher Experimente ist, hätte ich immer erwartet, dass die natürliche Selektion sie korrigiert. Sie können es auch so ausdrücken: Jegliche Spezies, die die Erde so schädigt, dass ihre Nachkommenschaft bedroht wird, ist dem Untergang geweiht, und wird verschwinden.

TR: Und damit meinen Sie die menschliche Spezies?

Lovelock: Nicht, wenn sie sich verändert. Es gibt immer die Möglichkeit der Erkenntnis.

TR: Aber wir sind in der Lage die Erde zu zerstören?

Lovelock: Ich glaube, es ist reine Hybris anzunehmen, dass wir derartig mächtig sind. Die Erde hat Arten erduldet, die viel schädlicher waren als wir. Denken Sie nur daran, wie die ersten Photosynthese-Organismen auftauchten und begannen Sauerstoff auszustoßen – ein ekliges, giftiges Gas. Das muss eine unglaubliche Anzahl Arten vernichtet haben. Natürlich hat sich die Natur den Veränderungen angepaßt und sie in Vorteile verwandelt. Aber damals muss es schrecklich zugegangen sein.

TR: Also wird unser Planet immer für Menschen bewohnbar bleiben, wenn auch vielleicht in kleinerer Zahl?

Lovelock: Das hoffe ich. Wir haben ein – allerdings schreckliches – Beispiel: Während der Folge von Eis- und Warmzeiten der letzten Million Jahre, so glauben Genetiker, sind am Ende einer der großen Erwärmungen, wie sie alle hunderttausend Jahre oder so stattfinden, nur noch rund 2000 Menschen übrig gewesen. Aus der Sequenzierung des Human-Genoms scheint sich zu ergeben, dass es damals zu einer Art Flaschenhals-Situation kam.

TR: Und glauben Sie, dass wird wieder passieren?

Lovelock: Nein. Ich bin Optimist, wie Sie ja schon festgestellt haben.

TR: Ich weiß allerdings, dass Sie weit weniger optimistisch sind hinsichtlich der politischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten, Treibhausgase unter Kontrolle zu bekommen. Andererseits hat Ihre Entdeckung atmosphärischer Fluorchlorkohlenwasserstoffe uns damals letztendlich vor dem Ozonloch gerettet. Viele Menschen sehen da Parallelen zum Kohlendioxid oder verwechseln gleich das Eine mit dem Anderen.

Lovelock: Und das schließt Wissenschaftler ein. Ich glaube sogar, ein Problem des IPCC ist, dass man dort anfangs von der Vorstellung ausging, die jetzige Situation sei mit dem FCKW-Problem vergleichbar und werde sich ähnlich lösen lassen. Natürlich ist dem nicht so. Wie einfach wäre es doch, wenn es nur sechs Firmen gäbe, die Kohlendioxid herstellen . Übrigens wurde auch damals schon richtig schlechte Wissenschaft betrieben. Der kürzlich in Großbritannien bekanntgewordene Skandal über Temperaturmessungen ist gar nichts im Vergleich zu damals – gefälschte Messungen, Leute die behaupteten sie könnten FCKWs mit bis zu einem Prozent Genauigkeit messen, tatsächlich aber um bis zu 400 Prozent falsch lagen – und fast alles wurde unter den Teppich gekehrt. Oh, und ein Satellit wurde umprogrammiert, niedrige Ozonwerte zu ignorieren, weil sie nicht mit den Voraussagen des Modells übereinstimmten. Dadurch wurde das Ozonloch für zwei Jahre ignoriert.

TR: Und Sie meinen, dasselbe geschähe jetzt wieder?

Lovelock: Ja, das ist unvermeidlich. Ich glaube, seit Wissenschaft von einer Berufung zur Karriere wurde, findet man die wunderbare Selbstdisziplin der alten Zeit nicht mehr. Heute geht es vor allem ums Vorwärtskommen. Es muss sich dringend etwas ändern, wir bräuchten zum Beispiel striktere Modelle. Dabei geht es nicht nur um unseren guten Namen als Wissenschaftler, sondern um das Interesse aller.

TR: Was würden Sie einem jungen Umweltschützer heute sagen?

Lovelock: Sie haben das Herz am richtigen Fleck, sehen Sie zu, dass Sie auch Ihren Kopf orientiert kriegen!

TR: OK ... und was könnte das praktisch bedeuten?

Lovelock: Nun, oft geht es um Emotionen. Nehmen Sie zum Beispiel die Kernkraft. Ich finde es beinahe zum Lachen. Die meisten Leute fürchten sich fast zu Tode vor der Kernkraft, dabei ist sie eine der harmlosesten Energiequellen, die wir kennen, harmlos in jeder Beziehung. Wenn Sie sich Großbritannien oder Deutschland anschauen: wie viele Menschen sind in der Atomindustrie gestorben? Und sie hat inzwischen wirklich viel Energie erzeugt, über Jahrzehnte. Ich glaube, in Großbritannien ist bisher nicht einmal jemand verletzt worden, geschweige denn gestorben. Vergleichen Sie das mit anderen Arten der Energieerzeugung, sind dort die Statistiken trostlos. Warum sollte man also Angst haben?

TR: Vielleicht weil, wenn etwas schief ginge, der Schaden ungleich größer wäre als bei anderen Technologien.

Lovelock: Sie meinen die Millionen von Leuten, die durch die Katastrophe von Three Mile Island getötet wurden? Wo sind ihre Gräber? Nein, im Ernst: Es gibt keine Belege. Das schlimmste bekannte Unglück war sicher Tchernobyl. Das war aber im alten Sowjet-System. Die ganze Anlage war so verrückt aufgebaut, wie man sich nur vorstellen kann – ein instabiler Reaktor, der einem törichten Experiment unter sowjetischen Bedingungen unterzogen wurde. Da musste ja etwas schiefgehen. Die Zahl der Toten lag aber unter 100, vor allem Menschen, die in der Anlage selbst arbeiteten. Manche wurde von umstürzenden Betonträgern getötet, und so weiter. Die Vorstellung aber, dass ganz Europa erhöhte Todesraten gehabt habe, entspricht einfach nicht den Fakten.

Wir hatten übrigens auch in Großbritannien eine Art Tschernobyl, über das niemand sprach, weil es vertuscht wurde. Und zwar gab es 1956 ein Feuer in einem Reaktor namens Windscale. Zufällig war ich damals in London mit medizinischen Strahlenmessungen beschäftigt, und plötzlich schoss die Hintergrundstrahlung hoch, ich mußte die Experimente abbrechen. Wir dachten, wir hätten versehentlich Jod-131 in den Ausguß geschüttet und so das ganze Labor kontaminiert. Erst 20 Jahre später fand ich heraus, dass das Feuer im militärischen Windscale-Reaktor schuld war. Durch die Windrichtung wurde ganz England der Strahlung ausgesetzt. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise auf erhöhte Krebsraten oder ähnliches.

TR: Aber können Sie sicher sein, das es zum Beispiel keine Erbgutschädigungen gab?

Lovelock: Na ja, vielleicht ist unsere lausige Politik eine Folge davon!

TR: Klingt logisch. Aber gab es medizinische Studien?

Lovelock: Ähnlich wie in Deutschland haben wir ein staatliches Gesundheitssystem. Das hat bei allen Nachteilen den großen Vorteil, dass erstklassiges Datenmaterial zur Verfügung steht. Ein durch den Ausstoß radioaktiven Jods erhöhte Anzahl von Schildrüsenkrebs-Toten wäre leicht zu erkennen. Es gibt sie aber nicht.

TR: Wie sieht es mit den anderen Problemen der Atomenergie aus, zum Beispiel den Müll, um den man sich sehr lange kümmern muss?

Lovelock: Jedes Jahr produzieren wir CO2-Abfall der, würde man ihn in Trockeneis verwandeln, einen Berg von 20 Kilometern Umfang und 1,6 Kilometer Höhe ergäbe. Das ist tödlicher Abfall, und er hat das Potential, uns alle umzubringen. Ein Kernkraftwerk von zwei bis drei Gigawatt dagegen produziert pro Jahr gerade soviel Abfall, wie in ein Auto paßt. Ich sehe das nicht als Problem.

TR: Aber gibt es nicht große Mengen mittel und schwach radioaktiven Abfalls?

Lovelock: Der schwach aktive Müll, nun das ist mal wieder jede Menge grüner Blödsinn. Das sind zum Beispiel Overalls, die Arbeiter getragen haben, und mit empfindlichen Instrumenten können Sie da eine leichte Strahlung messen. Aber das ist nicht wirklich eine Gefahr für irgendjemand. Wenn Sie dagegen, wie ich normalerweise, an der Küste Cornwalls lebten, könnten Sie dort zum Beispiel in den Straßen von St. Ives eine natürliche Strahlung messen, die tatsächlich Angst macht.

TR: Einen ziemlich unorthodoxen Weg zur CO2-Reduktion haben Sie aber noch in petto ...

Lovelock: Sie meinen massenhaftes Vergraben von Holzkohle. Ich halte diese Idee, auf die mich Johannes Lehmann von der Cornell University brachte, tatsächlich für unsere einzige Hoffnung, das Weltklima auf dem Stand vor 1900 wiederherzustellen. Dazu müssten Landwirte ihren pflanzlichen Abfall – der ja reichlich Kohlenstoff speichert – durch Verschwelen bei wenig Sauerstoff in nicht biologisch abbaubare Holzkohle verwandeln und unterpflügen. Die Biosphäre sequestriert pro Jahr 550 Gigatonnen Kohlenstoff – wir emittieren in der gleichen Zeit nur 30 Gigatonnen – doch 99 Prozent davon werden innerhalb eines Jahres wieder freigesetzt, indem Bakterien, Würmer und Nematoden die Pflanzen zersetzen.

Wir könnten mit diesem Verfahren dem System also ziemlich schnell große Mengen Kohlenstoff entziehen. Bei der thermischen Zersetzung entsteht nur wenig CO2, aber Pyrolysegase, die als Bioenergie verkauft den Farmern sogar einen kleinen Profit sichern würden. Außerdem verbessert Holzkohle die Bodenqualität und spart so Dünger und Wasser. Also eine Lösung, die wirklich etwas bewirken könnte – trotzdem scheint sie an den allzu menschlichen Problemen der Umsetzung zu scheitern.

TR: Wenn ich Sie also zum König machte, was würden Sie gegen die globale Erwärmung tun?

Lovelock: Oh Gott nein, Politiker oder Monarch würde ich nie sein wollen, bin froh, wenn ich mit meinem eigenen Leben zurechtkomme. Im Ernst: Ich glaube nicht, dass es viel gibt, was man tun kann. Außer, wirtschaftlich mit Energie umzugehen, das ist das Vernünftige. Es gibt keinen guten Grund, in einem schlecht isolierten Haus zu leben und Energie für die Heizung zu verschwenden. Hier können viele etwas tun. Man muß auch kein spritfressendes Auto fahren, wenn Sie eins brauchen, reicht ein bescheidenes.

Oder sie können zu Fuß gehen; ich lebe zur Zeit vorübergehend in einem Vorort von St. Louis, und wir sind vermutlich die Einzigen in der Stadt, wenn nicht in ganz Amerika, die jeden Tag sieben Kilometer zum Supermarkt und zurück laufen, um unsere Einkäufe zu erledigen. Man kann solche simplen Dinge tun, sich aber nicht zuviel davon versprechen, denn ich glaube ganz ehrlich nicht, dass wir viel tun können. Geo-Engineering könnte ein verzweifeltes letztes Aufbäumen sein, aber ich bin nicht froh über die möglichen Konsequenzen, die schlimmer sein könnten als der Nutzen.

TR: Sollten wir dann nicht vielleicht den Kampf gegen CO2 hintanstellen und eher versuchen, uns auf eine unvermeidliche Erderwärmung vorzubereiten?

Lovelock: Ich bin froh dass Sie das sagen. Ich bin seit langer Zeit dieser Meinung, aber ich erwähne es nicht oft, weil es so defätistisch klingt.

TR: Was aber sollten wir in dieser Richtung unternehmen?

Lovelock: Das kommt zum Beispiel darauf an, wo man lebt. Wenn Sie ein Familienvater in Bangla Desh wären, bliebe Ihnen nicht viel anderes übrig, als mit Ihrer Familie auszuwandern oder das zumindest zu versuchen. Unabhängig davon, ob die Voraussagen richtig oder falsch sind, können Sie davon ausgehen, dass sich dort die am meisten gefährdete Gegend befindet. Und lokal gibt es dort auch keine Ausweichmöglichkeiten. Das ist etwas, was wir aus der Biologie lernen können: Wenn Organismen in einer bestimmten Region unter Stress geraten, sind die Überlebenden die, die die Region verlassen. Die zurückbleiben und auf bessere Zeiten warten, gehen häufiger zugrunde.

TR: Trotz Ihrer düsteren Prophezeiungen erscheinen Sie mir ausgesprochen optimistisch. Wie kommt's?

Lovelock: Das stimmt. Die Wurzeln meines Optimismus liegen beinahe im Reich der Science Fiction: Seit mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren hat Gaia die Erde mit diesen gefährlichen Experimenten bewohnbar gehalten und dabei kontinuierlich besser abgestimmt. All diese Zeit hat es gekostet, ein Lebewesen zu schaffen, dass sowohl sozial als auch intelligent ist. Andere Tiere, Wale vielleicht, sind eventuell intelligenter als wir, aber sie sind nicht sozial und kommunizieren nicht so gut. Dies ist also eine wichtige Eigenschaft, und das System würde es sehr bedauern, uns zu verlieren. Wir haben eine enorme Zukunft vor uns, sofern wir uns so weiterentwickeln, dass ein noch besseres Lebewesen entsteht, das besser mit dem Planeten leben kann.

TR: Was ist eigentlich das Neueste zu Ihrer Weltraumreise? Ich weiß, dass Sie bereits alle nötigen Tests mit Bravour bestanden haben.

Lovelock: Oh ja. Ich war erst am 7. Dezember, in der Mojave-Wüste um das Roll-out von SpaceShipTwo zu verfolgen. Es sieht großartig aus. Ich freue mich immens auf meinen Flug. Ich hoffe, er wird in einem, spätestens in anderthalb Jahren stattfinden. Das hat Virgin-Chef Richard Branson mir persönlich versprochen. Er ist ein guter Mann, er wird sein Versprechen halten. Allerdings wäre es möglich, dass ich bis dahin zu alt bin. Aber man muß etwas haben, worauf man sich freuen kann.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-917173

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.heise.de/kiosk/einzelhefte/tr.shtml