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Kollision mit der Wirklichkeit

Umwelt
Stewart Brand 1971 in San Francisco

San Francisco 1971: Um die "letzte" Ausgabe des Whole Earth Catalog zu feiern, spendet Stewart Brand (rechts) 20.000 Dollar. Bildquelle: AP

In seinem Buch "Whole Earth Discipline" rechnet Stewart Brand, einer der Urgrünen in den USA, mit der Realitätsverleugnung der Umweltbewegung ab und macht sie für die Verschärfung des Klimawandels mitverantwortlich.

Der Befund ist drastisch: Die umweltbewusste Linke muss ihr Weltbild neu justieren, fordert der Zukunftsforscher und Umweltberater Stewart Brand in seinem neuen Buch „Whole Earth Discipline“. Hat sie das erst mal geschafft, wird sie erkennen, das viele ihrer lang gehegten Ansichten nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen: Kernkraft könnte dann zum Beispiel eine plausible Antwort auf die Frage nach einer CO2-freien Energieversorgung sein. Auch Ideen wie Gentechnik, Verstädterung oder Geoengineering könnte die Öko-Linke dann aufgeschlossener gegenüberstehen.

Starker Tobak, könnte man meinen. Sein Buch, schreibt Brand, habe mit dem Artikel „Umweltketzereien“ begonnen, den er 2005 für Technology Review schrieb. Die Rechtgläubigen nahmen ihm damals schwer übel, dass er sich eine Umweltbewegung aus „grünen Biohackern, grünen Technophilen, grünen Urbanisten und grünen Infrastruktur-Erneuerern“ ausmalte. Doch genau diese Reaktion war Brand Beleg dafür, dass das gängige grüne Denken „zu negativ, zu traditionsverhaftet und politisch zu einseitig ist angesichts des Ausmaßes des Klimaproblems“.

Das finden natürlich auch andere Zeitgenossen. Aber Stewart Brand ist nicht irgendwer: Er ist jener Lifestyle-Guru, der 1968 den ersten „Whole Earth Catalog“ herausbrachte – eine Publikation, deren Cover oft die Erde, vom Weltraum aus gesehen, zierte und die die Verwandlung des Planeten durch umweltfreundliche Technologien propagierte. Bis in die neunziger Jahre erschien der Whole Earth Catalog und trug maßgeblich zu einem wachsenden Umweltbewusstsein der Öffentlichkeit bei.

Als Brand vor 40 Jahren startete, glaubte er, Städte seien schlecht. Für das Raumschiff Erde sei ein ländlicher Lebensstil besser. Heute glaubt er, dass Städte gut für die Menschen und den Planeten sind.

Damals war Brand strikt gegen Atomkraft. Heute schreibt er: „Die Grünen waren der Grund, dass Gigatonnen Kohlendioxid aus Kohle- und Gaskraftwerken in die Atmosphäre entweichen konnten, die statt der Kernkraftwerken gebaut wurden.“

Solch ein Statement kommt schon einem Austritt aus einer Glaubensgemeinschaft gleich. In „Whole Earth Discipline“ erläutert Brand seine Gründe dafür. Als Leser fragt man sich natürlich: Wenn er damals falsch lag, warum sollte er jetzt richtig liegen? Und so liest sich das Buch zuweilen unfreiwillig komisch.

Brand verdient allerdings Anerkennung für seine Motivation: „Wenn sich die Fakten, ändere ich meine Meinung.“ Ausdrücklich stellt er sich auch der Kritik an seinen Prognosen: Jeder kann auf der Webseite Longbets.org [1] schreiben, wo Brand falsch liegt.

Was hat ihn dazu bewogen, seine alten Ansichten aufzugeben? Seine Antwort: Die Realität. Brand ist Mitgründer des Global Business Network (GBN), einer Firma, die Zukunftsszenarien mit Hilfe von Experten und Insidern entwickelt sowie Unternehmen, Nichtregierungs- organisationen und Regierungen bei ihrer Strategieplanung berät. Ein Stammkunde von GBN ist das Office of Net Assessment des Pentagon, das von der 88-jährigen Futurologenlegende Andy Marshall geleitet wird.

Der kam 2003 auf das GBN wegen Szenarien eines abrupten Klimawandels zu. Temperaturmessungen in der Arktis zeigten damals, dass die Temperaturen sich schockierend schnell veränderten. Brand wurde da klar, dass „der Klimawandel nicht ein entferntes Ereignis in der Zukunft war, sondern jederzeit passieren könnte – und zwar rasch“.

Der Mensch hat seit Beginn der Industriellen Revolution etwa eine halbe Billion Tonnen Kohlenstoff verbrannt. Noch einmal so viel könnten es in den kommenden 40 Jahren werden, nun da China und Indien am Tisch der Ersten Welt Platz genommen haben. Brand wurde bewusst, dass der Planet sich bis zum Ende des Jahrhunderts im Mittel um fünf Grad erwärmen könnte. Die jüngsten Daten scheinen ihm Recht zu geben: eine 2009 vom MIT Joint Program on the Science and Policy of Global Change veröffentlichte Studie sieht für eine Erwärmung um 5,2 Grad eine mittlere Wahrscheinlichkeit. „Das Risiko ist bedeutend größer, als wir bislang geschätzt haben“, sagt Ronald Prinn, einer der Koautoren.

Zwar räumt Brand ein, dass die Folgen von Klimawandel und Klimapolitik ungewiss seien. Es gibt Faktoren im planetaren Ökosystem, die den durch unsere Emissionen verstärkten Treibhauseffekt abschwächen könnten. „Darauf zu setzen, käme aber einem russischen Roulette gleich, bei dem die Revolvertrommel bis auf eine Kammer geladen ist“, schreibt er.

Deshalb, so Brand, müsse die Menschheit vorurteilslos an die Lösung ihrer Probleme gehen. Von doktrinären Positionen der Umweltbewegung wie einem globalen Verbot des Pestizids DDT hält er nichts. Denn dieses Verbot hat nach Schätzungen des Malaria-Experten Robert Gwadz von den US-amerikanischen National Institutes of Health seit 1972 etwa 20 Millionen Kinder weltweit das Leben gekostet. DDT wurde vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren erfolgreich zur Bekämpfung der Malariamücke Anopheles eingesetzt. Besonders in Rage bringt Brand inzwischen die grüne Ablehnung der Kernenergie und die grüne Überzeugung, Wind- und Sonnenstrom könnten eines Tages sämtliche fossilen Energiequellen ersetzen.

Angesichts des technischen Status quo hält Brand dies für hochgradig unwahrscheinlich. Er macht das an einem Vergleich deutlich: Angenommen, ein Kohlekraftwerk, ein Wasserkraftwerk oder ein AKW haben jeweils eine Leistung von einem Gigawatt. Ein Windpark würde für diese Leistung eine Gesamtfläche von über 500 Quadratkilometern beanspruchen (etwa 22 mal 22 Kilometer); für ein Solarkraftwerk läge der Flächenbedarf bei gleicher Leistung noch bei 125 Quadratkilometern (knapp 11 mal 11 Kilometer). Dafür, dass sie erneuerbar sind, haben sie einen ziemlich großen Fußabdruck, will Brand sagen.

Sicher, über diese Abschätzungen kann man streiten. Michael Totten, Klima- und Energieexperte von Conservation International, betont, dass Windräder von allen Energietechnologien in den USA den geringsten ökologischen Fußabdruck hätten. Mit 400.000 Windrädern à zwei Megawatt Leistung sei der gesamte Strombedarf der Vereinigten Staaten zu versorgen – auf einer Fläche, die nur drei Prozent der 3,1 Millionen Quadratkilometer großen Great Plains östlich der Rocky Mountains ausmacht (exakt: 93.000 Quadratkilometer).

Diese Zahlen werden von Mark Jacobson, Bauingenieur an der Stanford University, bestätigt. Fußabdrücke sollte man nicht mit den Flächen verwechseln, die um eine Anlage herum liegen und für vieles genutzt werden könnten, etwa Naturparks oder Ackerland. Selbst wenn 2030 die Hälfte des globalen Strombedarfs aus Windkraft gedeckt würde, läge der unmittelbare Fußabdruck immer noch unter 50 Quadratkilometern, sagt Jacobson. Der Flächenbedarf, der sich aus dem Mindestabstand aller Windkraftanlagen addiert, würde immerhin ein Prozent der Erdoberfläche ausmachen.

Totten geht deshalb hart mit Brand ins Gericht: „Seine Argumente hinsichtlich Wind- und Solarenergie sind ganz offensichtlich falsch. Man hat fast den Eindruck, er habe in seinem Buch eigentlich nur Argumente seiner GBN-Kunden zusammengetragen.“

Angesprochen auf die Kernenergie verweist Totten auf Kernschmelzen à la Tschernobyl und terroristische Angriffe auf Reaktoren. Für die neuen Reaktorkonstruktionen gelten diese Argumente allerdings nicht, weshalb Totten hier ökonomisch argumentiert: AKWs sind so teuer, dass sie immer auf staatliche Subventionen angewiesen sind.

Bevor in den siebziger Jahren die Sicherheitsanforderungen für Kernkraftwerke verschärft wurden, war Atomstrom aber der billigste Strom in den USA. Vergessen sollte man auch nicht, dass Frankreich drei Viertel seines Stroms aus AKWs bezieht und zwei Drittel weniger CO2 ausstößt als die USA. Zudem ist es weltweit der größte Nettoexporteur von Elektrizität – was ihm jährlich 4 Milliarden Dollar einbringt –, weil die Stromgestehungskosten so niedrig sind.

Brand wundert sich nicht, dass viele Umweltbewusste von den neuen Entwicklungen bei AKW-Konstruktionen oder Brennstoffkreisläufen nichts wissen oder sich nicht dafür interessieren. „Für sie zählt nur, dass die Atomkraft gestoppt wurde. Und nun, da sie wiederkommt, sind sie verwirrt und wütend.“ Dass Greenpeace und eine ganze Generation von Aktivisten nicht akzeptieren wollen, dass Atomkraft die glaubwürdigste Form von CO2-freier Energie sein könnte, hat wohl einen einfachen Grund: Sie müssten sich eingestehen, dass sie einen großen Teil ihres Lebens einer grundlegend, ja verheerend falschen Sache gewidmet haben. Dass sie, indem sie in den siebziger Jahren den Übergang zu einer nuklearen Energiewirtschaft verhinderten, eine unmittelbare Mitverantwortung haben für die globale Erwärmung und für Hunderttausende von Todesfälle, die auf Luftverschmutzung durch Kohlekraft zurückgehen. Brands Verdienst ist es, diese verstörende Wahrheit erkannt zu haben.


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[1] http://www.longbets.org/