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Lang oder kurz: Bei Twitter eigentlich egal

Infotech
Lang oder kurz: Bei Twitter eigentlich egal

(Bild: "Tropical Kingbird" / Kaaren Perry / cc-by-2.0)

Der Kurznachrichtendienst hat vor einem Jahr eine Verdoppelung seiner Textlängen eingeführt. Das führte jedoch nicht zu Verhaltensänderungen der User.

"Twitter ist nicht mehr Twitter!", "Weniger ist mehr!", "Ihr macht uns unseren Lieblingsdienst kaputt!": So oder so ähnlich fielen die ersten Reaktionen aus, als der Kurznachrichtendienst aus San Francisco vor etwas mehr als einem Jahr damit begann, eines seiner zentralen Features umzumodeln – die Kurznachricht an sich.

Twitter mal eben verdoppelt

Seit Start von Twitter vor zwölf Jahren galt stets die Prämisse, dass ein einzelner Tweet 140 Zeichen lang zu sein habe. Der Grund war dereinst technischer Natur: Die Nachrichten sollten per SMS verfasst und verbreitet werden können – und der Short Message Service offerierte eben nur maximal 160 Buchstaben und ein paar Steuersymbole vorneweg brauchte es eben auch noch.

"Eine kleine Veränderung, aber ein großer Schritt für uns", kommentierte Twitter-Boss Jack Dorsey (natürlich auf Twitter) die Änderung, die er am 26. September 2017 verkündete [1] und die zunächst in "kleinen Nutzergruppen" eingeführt wurde, bevor sie die gesamte Userschaft erreichte. Und er verwendete die Bekanntgabe der Entscheidung gleich auch, ein wenig gegen das Feature nachzutreten, das den Dienst, den Traditionalisten noch immer als "Microblogging Service" titulieren, großgemacht hatte: "Willkürlich" seien jene 140 Zeichen gewesen, eben wegen des 160er Limits der SMS. "Ich bin stolz darauf, wie überlegt das Team ein echtes Problem gelöst hat, das die Leute beim Twittern hatten." Er versicherte, Kürze, Geschwindigkeit und "Essenz" des Dienstes blieben erhalten.

Zahlen zur Beruhigung

Nun, etwas mehr als ein Jahr später, liegen erste Ergebnisse vor – zumindest für den englischen Sprachraum. Nachdem bereits im Frühjahr 2018 aus dem Twitter-Olymp in der Market Street in San Francisco verkündet worden war, die Tweet-Verdoppelung habe rein gar nicht zu einer Veränderung des Charakters des Dienstes geführt, lieferte das Unternehmen im Herbst Konkreteres.

Angeblich schaffen es nur ein Prozent aller Tweets, an das neue 280-Zeichen-Limit heranzukommen. Nur zwölf Prozent der englischsprachigen Tweets sei länger als 140 Zeichen und fünf Prozent seien länger als 190 Zeichen. Über alle Sprachen hinweg will Twitter nur sechs Prozent an Mehr-als-140-Zeichen-Tweets festgestellt haben, drei Prozent knackten die 190-Zeichen-Marke. Angeblich gibt es außerdem nun mehr Frage-Tweets (ein Zeichen für größere Reflektion?), weniger Abkürzungen und mehr ermunternde Begrifflichkeiten wie "Danke" oder "Bitte".

Will Twitter wie Facebook sein?

All diese Werte scheinen nur einen Zweck zu haben: Die Nutzerschaft, die befürchtete, Twitter werde mit der Tweet-Verdoppelung eine Art Facebook für Schnellleser, soll beruhigt werden. Dabei bastelt der Kurznachrichtendienst weiterhin daran, zum echten sozialen Netzwerk zu werden, denn da scheint, glaubt offenbar das Managementteam um Dorsey, das echte Geld zu liegen.

Tatsächlich hat sich das Schicksal der zwei Internetriesen in jüngster Zeit umgekehrt. Während bei Facebook ein Datenskandal den nächsten jagt [2], hat Twitter zumindest hier das Image, eine weiße Weste zu haben. Natürlich hat der Dienst ein großes Hate-Speech-Problem und er ist längst zum Propagandainstrument geworden. Doch das scheint eher an den Nutzern denn an Twitter selbst zu liegen. Die Aktie [3] des Unternehmens bewegt sich jedenfalls stabil über dem 1-Jahres-Tief.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4237095

Links in diesem Artikel:
[1] https://twitter.com/jack/status/912784057863245824
[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Im-Gehirn-des-Waehlers-4180678.html
[3] https://www.nasdaq.com/symbol/twtr/stock-chart