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"Nur wenige Forscher sahen die Schuld beim Zucker"

Leben
"Nur wenige Forscher sahen die Schuld beim Zucker"

(Bild: "Sugar" / Uwe Hermann / cc-by-sa-2.0)

Gab es in den USA in den Sechzigern eine "Zuckerverschwörung"?

Seit Langem werfen Kritiker der Nahrungsmittelindustrie vor, von den Gefahren des Zuckers abgelenkt – und stattdessen Fette zum Sündenbock gemacht zu haben. Stimmt nicht, behauptet nun der Medizinhistoriker David Merritt Johns in einer Studie.

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TR: Die US-Wissenschaftlerin Cristin Kearns erinnert in ihrem Paper von 2016 daran, dass es in den 1960ern durchaus Forschung über die Verbindung zwischen Zucker und dem Cholesterinspiegel gab. Trotzdem wurde Zucker lange verharmlost. Warum glauben Sie, dass dies frei von Lobby-Einflüssen geschehen ist?

David Merritt Johns: Eine der zentralen Figuren in der vermeintlichen Zuckerverschwörung ist der Ernährungswissenschaftler Mark Hegsted. Er war damals Professor am Institut für Ernährung an der Harvard School of Public Health. Ihm und einigen anderen wurde vorgeworfen, sie hätten Beweise unterdrückt oder runtergespielt, die Zuckerkonsum und Herzkrankheiten miteinander in Verbindung bringen. Aufgrund meiner eigenen Recherchen in Hegsteds Nachlass empfand ich jedoch eine Diskrepanz zwischen der Person, die seine Papiere widerspiegelten, und diesen Anschuldigungen.

Das ist zunächst ein subjektives Urteil.

Hegsted hatte den Ruf, auch Studien zu veröffentlichen, die den Interessen seiner Sponsoren widersprachen. Zusammen mit Kollegen hat er zum Beispiel in der Danvers-Studie herausgefunden, dass Zucker im Gegensatz zur Stärke den Cholesterinspiegel ein kleines bisschen erhöht. Damit bestätigten sie die Ergebnisse früherer Untersuchungen. Der Cholesterinspiegel war trotzdem der Biomarker, an dem sich die Leute zur damaligen Zeit orientierten. Sie wussten nicht, wie die Zusammenhänge im Detail sind.

Aber nach Ansicht der Forscher stand er in Verbindung mit Herzkrankheiten. Für das Team um Hegsted war der Effekt von gesättigten Fetten wie Butter zum Beispiel viel größer und bedeutender als die Wirkung, die sie bei Zucker sahen. Auch viele andere Wissenschaftler, wenn auch nicht alle, waren überzeugt, dass mit der Nahrung aufgenommene Fette der relevante Faktor seien.

Die sogenannte Iowa-Gruppe aus Alfredo Lopez, Robert Hodges und Willard Krehl – alles Mediziner von der University of Iowa – zog 1966 genau die gegenteiligen Rückschlüsse zu den Harvard-Leuten.

Sie postulierte einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und einem erhöhten Cholesterinspiegel. Hegsted aber fand den Ansatz und die Ergebnisse nicht überzeugend.

Wirklich ganz unbeeinflusst von der Industrie? Schließlich haben Hegsted und seine Kollegen nicht offengelegt, dass die Zuckerhersteller finanziell an ihren Forschungen beteiligt waren.

Die Kritiker haben in der Tat einige sehr interessante Dokumente dazu gefunden. Sie zeigen, dass die Zuckerindustrie an einigen Harvard-Studien in einer Weise beteiligt war, von der wir bisher nichts wussten. Ich bestreite auch gar nicht, dass es besser gewesen wäre, wenn Hegsted und seine Kollegen die finanzielle Unterstützung durch die Zucker-industrie offengelegt hätten. Die Idee, dass eine Zusammenarbeit mit der Industrie falsch oder fragwürdig sein könnte, tauchte damals überhaupt nicht auf. Bis Ende der vierziger Jahre gab es in den Vereinigten Staaten etwa kaum nennenswerte öffentliche Forschungsförderung durch die National Institutes of Health, die nationale Gesundheitsbehörde.

Die 1942 gegründete Harvard Nutrition Unit musste zusehen, wie sie ihre Forschung finanziert bekam. Wir behaupten in unserem Paper daher nicht, dass die Zuckerindustrie gar keinen Einfluss auf Harvard-Wissenschaftler oder die Forschung im Allgemeinen hatte. Sie versuchten, ihre Interessen voranzutreiben, Wissenschaftler zu beeinflussen und ihr Geld einzusetzen, um auf wissenschaftliche Ergebnisse einzuwirken. Das größte Problem bei Kearns' Analyse aber war für mich, dass sie suggeriert, Zucker und Fett hätten sich damals quasi auf dem gleichen Level befunden. Dass die Geschichte hätte so oder so verlaufen können.

Warum stimmte das nicht?

Damals hatte die American Heart Association die Verbindung zwischen Herzinfarkten und gesättigten Fetten in einem Statement bereits offiziell postuliert. Fett- und die Zuckertheorie waren 1965 also keineswegs gleichberechtigt auf Augenhöhe. Diesen Kontext klammert die Analyse von Kearns aus. In der Tat datiert die These über den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Fett und der Entstehung von Herzkrankheiten bereits aus den 1920er-Jahren. Man kann wohl sagen, dass Hegsted zufällig genau jener Überzeugung war, von der die Zuckerindustrie profitieren konnte. Und genau deshalb warb die Zuckerindustrie ihn und seine Kollegen an.

Kritiker zogen bereits eine Parallele zwischen dem Verhalten der Zuckerindustrie und dem der Zigarettenindustrie. Ist das übertrieben?

Zurzeit scheint ein Konsens zu herrschen, dass eine Verbindung zwischen Zucker und Zahngesundheit sowie Übergewicht besteht. Einige behaupten zwar auch, dass Zucker Gift ist. Aber das ist nicht bewiesen. Wir wissen allerdings, dass Tabak Lungenkrebs verursacht. 1964 veröffentlichte die US-Regierung bereits einen Report darüber. Trotzdem verteidigte die Tabakindustrie ihren Marktanteil und forderte die Forschung heraus, selbst als die Ergebnisse offensichtlich waren. Ich denke, Zucker ist lange nicht so schädlich wie Tabak.


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[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Update-fuer-unser-Essen-3966574.html
[3] https://www.heise.de/tr/blog/artikel/Fuer-Zucker-steht-die-Ampel-auf-Rot-4049170.html
[4] https://www.heise.de/tr/artikel/Technik-und-Biomythen-Alle-Kalorien-machen-gleich-dick-3746252.html