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"Rein ökonomisch kann man darüber nur den Kopf schütteln"

Energie
"Rein ökonomisch kann man darüber nur den Kopf schütteln"

Bild: CSC

Ökonom Reimund Schwarze vom Climate Service Center Germany über die versteckten Kosten der Atomkraft – und die Frage, ob sie sich als Brückentechnik rechnet.

Professor Dr. Reimund Schwarze [1] ist Professor für internationale Umweltökonomie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und Leiter der Abteilung "Ökonomie und Politik" am Climate Service Center Germany. Das CSC gehört zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht und dient als nationale Dienstleistungseinrichtung, deren Ziel es ist, Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Informationen über den Klimawandel und seine Folgen zu vermitteln und in der Bevölkerung aufklärend zu wirken. Das CSC wurde 2009 eingerichtet und wird vom Bundesforschungsministerium finanziert.

Technology Review: Herr Professor Schwarze, große Teile der Stromindustrie preisen seit Jahren die Vorteile der Kernkraft. Sie sei kostengünstig, liefere, auch dank abgeschriebener Kraftwerke, für viele Jahre billigen Strom. Können Sie diese Einschätzung teilen?

Reimund Schwarze: Ja, das stimmt. Atomstrom ist, auch dank abgeschriebener Kraftwerke, in der Erzeugung weniger als halb so teuer wie Strom aus Erneuerbaren. Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit, denn beim Atomstrom sind nicht alle volkswirtschaftlichen Kosten eingerechnet. Die Kosten für Nuklearunfälle, Rückbau von Anlagen und Entsorgung von Atommüll sind allesamt nicht oder nur zu einem geringen Teil im Preis enthalten. Diese Kosten zahlt ganz überwiegend der Steuerzahler.

TR: Gibt es Kostenrechnungen, die all diese Bereiche einbeziehen?

Schwarze: Es gibt Kostenabschätzungen für diese sogenannten externen Kosten der Kernkraft. Aber die schwanken sehr, je nachdem, welche Modelle und welche Schätzansätze zugrunde gelegt wurden. Sie liegen zwischen 0,2 und 2 Cent pro Kilowattstunde, wobei die "Kosten der Angst" vor Ereignissen wie denen in Japan noch nicht eingerechnet sind.

TR: Wo stünde die Kernkraft ohne diese unausgewiesenen Subventionen?

Schwarze: Würden alle externen Kosten eingerechnet stände der Atomstrom mindestens auf Augenhöhe mit dem Strom aus Erneuerbaren Energien.

TR: Sie selbst forschen an den Folgen des Klimawandels, die uns in den nächsten Jahren neue Naturkatastrophen bescheren könnten. Was erwarten Sie hier und in wie weit könnte dies die Energieversorgung betreffen?

Schwarze: Die Verletztlichkeit unseres Energiesystems gegenüber dem Klimawandel ist noch nicht umfassend untersucht worden. Die bisher vorliegenden Analysen beziehen sich zumeist auf die geringere Wasser- und damit Kühlwasserverfügbarkeit bei Kraftwerken. Hier scheint das System, auch dank neuer Kühltechniken, offenbar nicht sehr verletzlich.

Selten gehen diese Verletzlichkeitsstudien auf Extremereignisse ein, die auch in Deutschland zunehmen werden. Unsere Kraftwerke sind zwar keinen Tsunamis oder Hurrikanen ausgesetzt wie in Japan und den USA; in Deutschland trifft uns das Problem aber mit Überschwemmungen, Stürmen, Starkregen und Schneedruck, die bis Mitte dieses Jahrhunderts stark zunehmen werden. Betroffen davon sind vor allem die Netze der Versorger und die Betreiber von Wind- und Solaranlagen, auch die energiesanierten Gebäude, so dass die Einsparziele gefährdet sind. Untersuchungen dazu sind dringend nötig.

TR: Sind solche Ereignisse bereits in die Kalkulationen von Versicherern eingeflossen?

Schwarze: Der Klimawandel und seine Auswirkungen für die Stromerzeugung werden bislang meines Wissens nirgendwo im Strom eingepreist. Im Wasserbau ist das heute schon anders. Dort werden die Anlagen vorsorglich für den Klimawandel größer ausgelegt, was sich bereits heute in höheren Wasserpreisen niederschlägt.

TR: Ist es richtig, dass sich ein Kernkraftwerk bislang praktisch nicht versichern lässt?

Schwarze: Das ist richtig. Wenn man an den Super-GAU denkt, an dem wir soeben nur haarscharf in Japan vorbeigeschlittert zu sein scheinen, und selbst beim einfachen GAU wie in Tschernobyl gilt: Solche Folgen sind praktisch unversicherbar.

TR: Wie sind Kraftwerksbetreiber dann abgesichert?

Schwarze: Im Sinne einer richtigen Versicherungslösung sind die Betreiber von Kraftwerken nur bis zu 255 Millionen Euro gegen Schäden abgesichert. Danach greift bis zu einer Schadenshöhe von 2,5 Milliarden Euro eine gegenseitige Garantieerklärung der vier großen Kernkrafterzeuger in Deutschland.

TR: Wenn also ein Kernkraftwerk in die Luft fliegt und große Teile seines Umfeldes verseucht, würde dann zunächst der Betreiber haften? Wann kommt der Staat ins Spiel?

Schwarze: Der Staat kommt in diesem Fall ins Spiel, wenn die Garantieerklärung ausgeschöpft und die Muttergesellschaft des Kernkraftwerkbetreibers pleite ist. Aber der Staat kommt an vielen anderen Stellen noch viel schneller ins Spiel. Denn für die Folgeschäden beispielsweise eines lang anhaltenden Stromausfalls haftet der Betreiber nicht.

Für viele Atomanlagen wie etwa Forschungsreaktoren gewährt der Staat ohnehin eine Haftungsfreistellung. Schäden, die nicht einfach dem Strahlungseintritt zugerechnet werden können, bleiben dann auch bei den Betroffenen oder dem Staat liegen.

TR: Wenn man sich die möglichen Kosten ansieht, die Kernkraft verursachen kann – halten Sie es für möglich, dass sich heute noch eine vergleichbar finanziell problematische Technik durchsetzen könnte?

Schwarze: Nach Fukushima müssten wir die Atompolitik neu denken, hat unsere Kanzlerin zu recht erklärt. Schäden und Gefahren dieser Größenordnung hielten wir bisher für undenkbar. Die Welt war zwar gerade dabei, die Erzeugungskapazität aus Kernkraft zu verdoppeln. Besonders Länder wie China und Indien waren hier auf einem Pro-Atom-Kurs. Aber auch dort hat man nach Fukushima erst einmal inne gehalten, sich eine Denkpause eingeräumt.

In einem Jahr können diese Ereignisse und die dramatischen Stunden, in denen wir mit dem Schlimmsten gerecht haben, vergessen sein. Und alle kehren wieder zurück zum Alltag des Atomstromausbaus, aber rein ökonomisch kann man darüber nur den Kopf schütteln. Denn: Wenn man sich die volkswirtschaftlichen Kosten der Kernkraft ansieht und einrechnet, macht die Kernenergie auch als Brückentechnik keinen Sinn. Sie ist, wie gesagt, heute schon unter Einrechnung aller Kosten in Deutschland genauso teuer wie der Strom aus Erneuerbaren. Da liegt die Zukunft, für die wir heute Brücken bauen müssen.


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http://www.heise.de/-1213940

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[1] http://www.hzg.de/science_and_industrie/klimaberatung/csc_web/009918/index_0009918.html.de