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Schafe als Sensoren

Energie
Schafe als Sensoren

Bild: Sebastian Suchanek/Wikipedia (cc-by-sa-2.0)

Vor 50 Jahren ging das erste deutsche Atomkraftwerk in Betrieb.

In der kleinen unterfränkischen Gemeinde Großwelzheim nahe Aschaffenburg liegen Anfang und Ende der Atomkraft nahe beieinander: Dort ging vor 50 Jahren, am 13. November 1960, mit dem Versuchsatomkraftwerk Kahl das erste deutsche AKW in Betrieb. Heute ist der Standort vor allem dafür bekannt, dass hier gleich zwei Kernkraftwerke komplett zurückgebaut worden sind.

Der Gedanke an Abriss und Entsorgung war in den optimistischen fünfziger Jahren allerdings noch weit entfernt. Atomkraft war ein technisch und rechtlich unerforschtes, aber vielversprechendes Terrain. Als im britischen Sellafield 1956 das erste kommerzielle Kernkraftwerk der westlichen Welt ans Netz ging, gab es in Deutschland noch nicht einmal einen laufenden Forschungsreaktor. Um den Anschluss an die Technologie nicht zu verlieren, wollte der Stromversorger RWE in Deutschland eine kleine Pilotanlage bauen. Nachdem RWE zahlreiche Konzepte miteinander verglichen hatte, entschied sich der Konzern für einen Siedewasserreaktor.

Bei solchen Reaktoren erzeugen die Brennelemente Dampf, der in der Regel ohne weitere Zwischenschritte eine Turbine zur Stromerzeugung antreibt. Sechs der 17 heute noch laufenden Reaktoren in Deutschland arbeiten ebenfalls nach dem Siedewasser-Prinzip. Die von General Electric und AEG gebaute Anlage in Großwelzheim hatte allerdings – untypisch für einen Siedewasserreaktor – zwei getrennte Dampfkreisläufe für Reaktor und Turbine, die über einen Wärmetauscher miteinander verbunden waren.

Als Standort setzte sich die kleine Gemeinde am Main durch, weil dort das Kühlwassersystem eines benachbarten Wärmekraftwerks mitbenutzt werden konnte. Dass es nur rund 20 Kilometer bis zum dicht besiedelten Großraum Frankfurt waren, störte damals offenbar niemanden – nennenswerte Proteste sind jedenfalls nicht überliefert, und das Atomrecht hinkte der technischen Entwicklung ohnehin hinterher. Als das deutsche Atomgesetz am 1. Januar 1960 in Kraft trat, war das AKW Kahl schon praktisch fertig.

Als dort die Kernspaltung anlief, lag nur eine vorläufige Betriebsgenehmigung vor. Die unbefristete wurde erst Ende 1961 nachgeliefert. Einige Sicherheitsvorschriften wirken heute befremdlich: Wie der Westdeutsche Rundfunk berichtet, soll eine Auflage darin bestanden haben, eine Schafherde auf dem Kraftwerksgelände zu halten und jedes Jahr ein Tier zu Untersuchungszwecken zu schlachten.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Versuchsatomkraftwerk Kahl begann 1965 der Bau des Heißdampfreaktors Großwelzheim, der allerdings bereits 1971 nach nicht einmal zweijährigem Betrieb – als erstes AKW in Deutschland – wegen technischer Schwierigkeiten wieder abgeschaltet wurde. Bis 1998 wurde der Heißdampfreaktor komplett zurückgebaut.

Das Schwester-Kraftwerk Kahl blieb trotz seiner geringen Leistung von 15 Megawatt – so viel wie drei große Windkraftanlagen – 25 Jahre in Betrieb, bis es 1985 als unrentabel stillgelegt wurde. Bis dahin brachte es das Kraftwerk jedoch auf eine üppige Liste von Störfällen: 1966 etwa wurden die Hüllen der Brennelemente bis zum Schmelzpunkt überhitzt, 1968 kam es zu einem zweiminütigen Stromausfall in der gesamten Anlage, in den Folgejahren trat mehrmals Radioaktivität aus.

Fast ebenso lange, wie das Kernkraftwerk in Betrieb war, dauerte sein Rückbau – nämlich von 1988 bis 2010. Der Stahlbeton der Reaktor-Ummantelung war so radioaktiv, dass er nur von ferngesteuerten Kleinbaggern abgerissen werden konnte. Um den Umgang mit diesen Geräten üben zu können, wurde eigens ein Eins-zu-eins-Modell der Ummantelung gebaut. Künftig soll dort, wo die deutsche Atomgeschichte begann, wieder grünes Gras wachsen – und möglicherweise Schafe grasen.


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