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"Väter sind wichtiger als Lehrer"

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"Väter sind wichtiger als Lehrer"

Bild: Uni Rostoc

Eine Ursache des Fachkräftemangels ist die niedrige Frauenquote in Technikfächern. An der Schule liegt es nicht, hat Professor Hans-Jürgen von Wensierski herausgefunden.

Hans-Jürgen von Wensierski ist Professor am Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpolitik der Universität Rostock und leitet eine groß angelegte Feldstudie zur Frage, weshalb sich so wenig junge Frauen für einen technischen Beruf entscheiden.

Technology Review: Sie untersuchen das Verhältnis von Frauen zu technischen Berufen. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Hans-Jürgen von Wensierski: Wir stecken noch mitten in der Feldarbeit – gegenwärtig befragen wir 3000 Gymnasiasten. Außerdem lassen wir uns die Lebensgeschichten von jungen Frauen erzählen, die im ersten Semester Elektrotechnik oder Maschinenbau studieren. Der empirische Forschungsstand ist bisher nicht zufriedenstellend. Es gibt höchstens Vermutungen, warum so wenige Frauen den Weg in die Ingenieursstudiengänge finden.

TR: Welche ist die plausibelste?

Von Wensierski: Schwer zu sagen. Gar nicht einleuchten will mir zum Beispiel die These, dass die Studiensituation junge Frauen abschreckt. In unseren Interviews zeigt sich: Die Ingenieurstudentinnen fühlen sich in den männerdominierten Studiengängen sehr wohl. Diskriminiert werden sie jedenfalls nicht.

TR: Welche Rolle spielt die Schule?

Von Wensierski: Verglichen mit den Vätern eine sehr verhaltene. In unseren bisher 25 biografischen Interviews kamen Lehrer nicht als prägende Bezugspersonen vor. Allerdings zeigen Mädchen von Anfang an eher wenig Interesse und teilweise auch geringere Leistungen in technikrelevanten Fächern – mit Ausnahme der Mathematik. Sie ist ein großes Einfallstor für das Interesse an Technik.

TR: Frauen studieren Maschinenbau wegen Mathematik, Männer trotz Mathematik?

Von Wensierski: (Lacht) Na, das weiß ich jetzt nicht. Ich kann keine Aussage über junge Männer machen. All unsere jungen E-Technikerinnen haben jedenfalls einen Draht zur Mathematik. Aber worin sie sich von Männern unterscheiden: Sie teilen nicht unbedingt diese harte, durch Experimente und Basteleien gestützte Leidenschaft für Technik. Sie gehören nicht diesem klassischen Typus an, der schon von klein auf an Geräten herumgeschraubt hat.

Und was hat nun den größten Einfluss auf die Interessen junger Frauen? Wahrscheinlich die Familie. Technikaffine Bezugspersonen, insbesondere Väter, sind offenbar dafür wichtig, dass Mädchen sich für Technik und Naturwissenschaften interessieren.

TR: Welche Fächer kommen am schlechtesten an?

Von Wensierski: Elektrotechnik und Maschinenbau sind die technischen Fächer, die am wenigsten Frauen anziehen.

TR: Woran liegt das?

Von Wensierski: Bei beiden Studiengängen herrscht ein sehr reines Verständnis von Technik, eine teilweise emotionale Haltung zu Geräten. Bei jungen Frauen ist das Interesse an Technik stärker eingebettet in ethische oder soziale Orientierungen. Technische Fächer, die stärker mit ökologischen, humanen oder biologischen Aspekten kombiniert sind – wie Architektur, Raumplanung, Medizin- oder Umwelttechnik –, haben stets deutlich größere Anteile an Frauen. Die Frage wäre also, wie man die Technikstudiengänge interdisziplinärer gestalten könnte.

TR: Was halten Sie von speziellen Angeboten nur für Mädchen und Frauen, zum Beispiel von "Girls Days"?

Von Wensierski: Solche Angebote produzieren eine falsche Pädagogik und Didaktik – nicht, weil sie geschlechtsspezifisch, sondern weil sie eine Form von Kurzzeitpädagogik sind, die keinen nachhaltigen Einfluss hat.

TR: Gibt es denn gute Maßnahmen, die leicht umzusetzen wären?

Von Wensierski: Selbst in den skandinavischen Ländern, die seit vielen Jahren eine sehr engagierte Frauenförderung haben, gibt es nur 27 oder 28 Prozent Frauen in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern. Bei uns sind es etwa 22 Prozent, also nur ein paar Prozentpunkte weniger. Man sieht daran, dass dieses Problem nicht allein durch Drehen an dieser Stellschraube zu lösen ist.

TR: Welches ist denn die vielversprechendste Stellschraube?

Von Wensierski: Unter pädagogischen Gesichtspunkten sind wohl frühzeitige, regelmäßige und kontinuierliche technik- und naturwissenschaftliche Projekte und Angebote in Kooperation zwischen Schulen, Universitäten und Industrie ein sinnvoller Ansatz.


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