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"Wir sind immer noch am Anfang"

Infotech
"Wir sind immer noch am Anfang"

Im April kündigte Linden Lab, Betreiber der bekannten virtuellen Welt Second Life [1], Veränderungen an der Firmenspitze an: Mark Kingon, bislang Chef der Internet-Marketingfirma Organic, soll Mitte Mai das Ruder übernehmen.

Kingdon übernimmt ein Linden Lab, dessen Second Life-Universum in den letzten Jahren enorm häufig in den Medien war und so zur wohl bekanntesten 3D-Internet-Plattform wurde. Zahlreiche große Marken begannen, Präsenzen in Second Life aufzubauen. Einige von ihnen, darunter der Online-Dienst AOL und die Bank Wells Fargo, zogen sich inzwischen wieder zurück – auch wegen der Wildwestatmosphäre, die in der virtuellen Welt teilweise noch herrscht. Laut einem offiziellen Blog-Posting von Linden Lab-Gründer und Noch-CEO Philip Rosedale soll Kingdon sich vor allem auf eine verbesserte Nutzererfahrung in der 3D-Welt selbst und um "mehr Stabilität und Verlässlichkeit" kümmern.

Kingdons Ankunft ist nur die jüngste Veränderung im Linden Lab-Management. Technikchef Cory Ondrejka, der die wichtige Skriptsprache schrieb, die in Second Life verwendet wird, um nutzergenerierte Inhalte zu schaffen und zu steuern, ging Ende Dezember. Rosedale kündigte seinen Abgang im März an. Er wird dem Unternehmen als Vorsitzender des Board of Directors weiter zur Verfügung stehen. Technology Review unterhielt sich mit dem neuen Second Life-Chef Mark Kingdon über die Pläne, die er für die Plattform hat.

Technology Review: Herr Kingdon, wie viel Zeit verbringen Sie selbst in Second Life?

Mark Kingdon: Ich verbringe inzwischen sehr viel mehr Zeit "in world". Ich bin noch in einer Phase, in der ich die Second Life-Landschaft untersuche, denn die ist ziemlich riesig. Und ich sammele dabei fantastische Erfahrungen. Es ist einfach unglaublich, dass dies alles nutzergenerierte Inhalte sind. Ich habe bis auf meine virtuelle Kleidung noch nichts selbst geschaffen, aber ich denke, dass das der nächste Schritt sein wird, weil ich gerne produktiv bin.

TR: Eigene Gegenstände zu schaffen, scheint zum Erwachsenwerden in Second Life zu gehören.

Kingdon: Das gehört definitiv zur Story von Second Life. Sobald man diesen magischen "Aha!"-Moment erreicht hat, wird das zur Sucht.

TR: Viele neue Nutzer scheinen Schwierigkeiten zu haben, diesen Zeitpunkt zu erreichen. Die Bedienung verwirrt sie und sie wissen nicht, was sie in der Welt tatsächlich anfangen sollen. Haben Sie schon erste Gedanken dazu, wie Sie neuen Nutzern künftig den Einstieg leichter machen wollen?

Kingdon: Ich habe viel Erfahrung im Bereich des nutzerorientierten Designs, die für Second Life wichtig sein können – insbesondere, was die Einführung der User anbetrifft. Ich habe bislang noch keine genauen Rückschlüsse gezogen, was zu tun ist, aber ich denke, es fängt schon damit an, zu verstehen, was die Bewohner brauchen, damit Second Life wirklich eine tolle Erfahrung für sie ist. Und man muss sich ansehen, welche Leute man mit dem Angebot anziehen möchte. Dies gibt die notwendigen Antworten vor.

TR: Wie sollen die unterschiedlichen Arten von Nutzern akklimatisiert werden? Geschäftliche User wollen vielleicht nur mal schnell in die Welt, um ein Meeting abzuhalten, während andere eher verspielt an die Sache herangehen.

Kingdon: Ich denke, das erste, was ich tun muss, ist mich mit den verschiedenen Nutzergruppen auseinanderzusetzen und dann darüber nachzudenken, ob sie, wenn man ihnen zusätzliche Werkzeuge an die Hand gibt, eigene Einstiegspunkte erhalten könnten. Oder ob es etwas gibt, was wir weiter fördern sollten. Oder ob wir etwas ganz Neues schaffen müssen. Die Frage dabei ist stets, wie man das schafft, ohne zum wichtigsten Inhaltelieferanten der 3D-Welt zu werden.

TR: Nicht nur die Nutzer sind manchmal verwirrt. Auch einige Firmen, die sich bereits in Second Life tummelten und eine eigene Präsenz aufgebaut haben, wissen nicht recht, was sie nun damit anfangen sollen. Was ist da passiert?

"Wir sind immer noch am Anfang"

Kingdon: Ich denke, dass Second Life für große Marken und große Firmen der richtige Ort ist, aber letztes Jahr vielleicht die falsche Zeit war. Wir sind immer noch am Anfang in der Entwicklung beim Publikum und den Aktivitäten, denen die Nutzer in der Welt nachgehen. Wenn man sich den Bereich Social Media und Social Computing in den letzten zwei Jahren ansieht, gab es dort doch ein großes Experimentieren bei den Marken.

Keine dieser Initiativen sorgte dafür, dass jemand pleite ging, wenn sie nicht funktionierten – und das tun Experimente nun einmal auch. Was funktioniert hat, war aber ein riesiger Erfolg. Ich denke also, wenn man sich das aus der Perspektive einer großen Marke anschaut, war es nicht so, dass die Firmen in Second Life Präsenzen aufgebaut haben und damit dann das letzte Hemd verloren. Das ist Teil der natürlichen Evolution im Bereich Social Media und Social Computing. Wenn die Zeit richtig ist, die Gemeinschaft größer und erwachsener und die Firmen mehr Erfahrung haben, dann müssen wir uns das noch mal genauer ansehen.

TR: Was wäre denn ein Indikator dafür, dass die Gemeinschaft erwachsener wird?

Kingdon: Ich denke, wichtig wäre, dass es eine größere Nutzerbasis gibt als heute und das Marken verstärkt darüber nachdenken, dass sie einen Pakt mit den Second Life-Bewohnern eingehen, ohne den es im Bereich Social Computing einfach nicht geht. Ich habe immer daran geglaubt, dass für Marken im Bereich Social Media und Social Computing Geben seliger denn Nehmen ist. Man muss den Bewohnern etwas geben, das einen Wert hat, das spannend ist, um positive Aufmerksamkeit für eine Marke zu erreichen. Ich glaube nicht, dass alle Experimente von Firmen in Second Life dies immer einkalkuliert hatten.

TR: Wie könnte Second Life sonst noch reifer werden?

Kingdon: Mit zunehmender Nutzung müssen wir sicherstellen, dass die Plattform stabil und skalierbar bleibt und für die Bewohner wirklich gut funktioniert. Das letzte, was wir möchten, ist, in das Nutzerwachstum zu investieren und dann die Zeit der neuen User zu verschwenden, weil sie sich nicht einloggen und Second Life genießen können. Hinzu kommt, dass wir das Interface freundlicher gestalten wollen – und nutzbarer für aktuelle und kommende Bewohner.

TR: Gibt es Pläne, Second Life enger mit dem Rest des Internet zu vernetzen?

Kingdon: Es passiert viel bei Second Life – und zwar so viel, dass ich mich stets selbst erst kundig machen muss, bevor ich so etwas spezifisch kommentiere. Ich finde es aber sehr spannend, was bei Plattformen, im Feed-Sektor und bei den Mashups passiert und wie die Leute nun die Möglichkeit erhalten, Inhalte aus dem ganzen Web zu beziehen. Meine Hoffnung wäre, dass Second Life ein Ort sein wird, an dem die Nutzer ein reiches und einzigartiges Erlebnis haben können. Dazu gehört, dass man auf andere großartige Dinge im Internet aufbauen und sie nutzen kann.

TR: Wie sieht Ihre Zukunftsvision aus?

Kingdon: Meine Vision bildet sich erst – mit jedem neuen Detail, das ich lerne. Ich bin mir aber sicher, dass unsere Online-Erfahrung zunehmend dreidimensional wird. Die Nutzer mögen Filme und Bilder und wir befinden uns derzeit in einer unglaublichen Videorevolution im Web. Die nächste natürliche Welle in der digitalen Welt ist aber 3D – und dabei wird es um Dinge gehen, die heute schon Teil von Second Life sind.


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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.secondlife.com/