zurück zum Artikel

Bandersnatch: Netflix wirft uns in das interaktive Labyrinth

Blog

Dank des interaktiven Films von Netflix krallen wir uns an der Fernbedienung fest. Ist das die Zukunft des Fernsehens oder nur ein Gimmick?

Versuche, das lineare Medium Film interaktiv zu machen und dem Zuschauer Entscheidungsgewalt über die Handlung zu geben, gab es schon. Zum Beispiel sendeten 1991 ARD und ZDF zeitgleich die zwei Versionen des Krimis "Mörderische Entscheidung". Beide Versionen zeigen dieselbe Handlung, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Zuschauer konnte damals per Zapping zwischen den Kanälen sein persönliches Erlebnis des Krimis kreieren.

TV-Streaming bietet ganz neue Möglichkeiten für interaktiven Film. Netflix' Projekt "Black Mirror: Bandersnatch" hat mich auf vielen Ebenen abgeholt: Als Fan von Black Mirror, als 80er-Jahre-Nostalgiker und als Autor, der auch schon interaktive Abenteuer-Spielbüchern für Print, Symbian-Handys und Browser geschrieben hat.

Zur Nutzung:

Die Handlung, spoilerfrei: Der junge, psychisch etwas instabile Programmierer Stefan entwickelt im Jahr 1984 ein labyrinthartiges Spiel namens "Bandersnatch", das dem Spieler zahlreiche schwierige Entscheidungen abfordert. Es basiert auf einem gleichnamigen Spielbuch, dessen Autor verrückt geworden ist. Während Stefan immer tiefer in das Projekt eintaucht, geschehen seltsame Dinge. Eine traumatische Vergangenheit holt ihn ein, er fühlt sich verfolgt, die Grenzen zwischen Illusion und Realität beginnen zu verwischen.

Und wie ist das ganze nun? Die Interaktionserfahrung ist flüssig, ohne größere Längen. Wenn der Zuschauer zu früheren Entscheidungspunkten zurückgeht, erhält er meist kurze Handlungsmontagen, anstatt alles 1:1 nochmal anschauen zu müssen. Das umschifft das Problem langweiliger Wiederholung.

Die Geschichte ist komplex, verworren, hinreichend spannend, detailverliebt und voller Achtziger-Jahre-Referenzen (sowie Eastereggs für Black-Mirror-Fans). Sie spiegelt in ihrer Konstruktion das interaktive Element wider: Wo beginnt das Spiel, wo endet die Wirklichkeit? Haben wir einen freien Willen und wer kontrolliert uns? Auf die zu Beginn aufgeworfenen Mysterien der Handlung gibt jedes mögliche Ende eine andere Lösung, bis hin zum Durchbrechen der vierten Wand. Die Atmosphäre pendelt irgendwo zwischen "Pi - System im Chaos", "Donnie Darko" und "Mr. Nobody"

Wer wissen will, welche Handlungsverläufe und Enden ihm noch fehlen, kann sich – o Internet sei Dank – an einem Flowchart orientieren. Herausfordernder ist natürlich, alle Zweige in Eigenregie zu erreichen.

Schautipp für jeden, der ansatzweise Science Fiction oder Psychothriller mag. Sowie für jeden, der wissen will, ob er sich für interaktives Fernsehen erwärmen kann. Denn das setzt "Bandersnatch" gekonnt um. Wenn man dem Testballon etwas vorwerfen kann, dann ist das sein überbordender Spieltrieb.

Man spürt in jeder Minute die Leidenschaft der Macher, die ihre Gelegenheit nutzten, ein neues Format tief auszuloten. Zwischen all den Spiegeln der Realitäts- und Kontrollthematik, zwischen Timothy Leary, Sprites, Tangerine Dream, Philip K. Dick, LSD und Pacman bleibt aber streckenweise ein konsistentes und spannendes Erzählen auf der Strecke. Die kreativen Köpfe hinter "Bandersnatch" wollen etwas zu viel, die Interaktivität etwas zu sehr in die Motive der Story brennen. Als müsste der erste Tonfilm zwingend eine Mozart-Oper mit donnernden Motorrädern sein oder der erste Farbfilm ein Holi-Festival-Kostümball in einem Orchideenhaus.

Ob sich interaktives Fernsehen durchsetzt, werden wir erst wissen, wenn das Format an gewöhnlicheren Genres ausprobiert wird. Ich würde gerne einen Tatort-Fall beeinflussen, meine Gags in einer Komödie selbst schaffen oder Superhelden fliegen lassen. Netflix kann es letztlich egal sein, ob sie ihr Budget ausgeben, damit Nutzer fünf Stunden einer halben Serienstaffel anschauen, oder fünf Stunden damit verbringen, verschiedene Zweige eines interaktiven Films auszuprobieren. Das Experiment ist gelungen, nun bitte weitermachen.

(Anton Weste)


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4265557