zurück zum Artikel

Das Treffen

Blog

Die Vielfalt einer youtubisierten Film- und Videowelt eröffnet neue kulturelle Möglichkeiten.

"Ein Blick auf YouTube", schreibt Vice, "erinnert heutzutage an einen frech rabattierten Wühltisch im Klamottenladen. Das meiste ist Ramsch, im besten Fall verstecken sich darin ein paar wenige Perlen, die es zu finden gilt."

Gefunden.

Eine der schimmerndsten Perlen, was YouTube-Unterhaltung und Lachkick-Garantie angeht, ist Nimi (aka Nimrod Tekeste). Der ambitionierte Filmstudent aus Frankfurt träumt davon, das deutsche Entertainment-Business zu bereichern. Könnte klappen, wenn man sich so ansieht, was er macht – und wie er's macht.

Café Full etwa ist eine aufwendige, äußerst liebevolle Verfilmung dessen, was Rapper Manuellsen dem HipHop-Journalisten Roozbeh Farhangmehr a.k.a. Rooz 2015 in einem inzwischen legendären Interview erzählt hat. Supergefährliches Treffen mit Bushido, Arafat Abou Chaker, Fler, Ali Bumaye und Shindy in einem Café. Ich sag: "Ja, so und so und so." Der sagt: "Ja so und so und so?" Ich sag: "Nein, so und so is nich."

Der Anspruch bei "Café Full" war kristallklar, also sogar eher Diamant als Perle. "Es ging darum, einen geilen Film zu machen", sagt Nimi. Für alle realen Persönlichkeiten, die aufs Allerheiterste durch das neu zum Leben erweckte Interview geistern, musste der mit stilsicherem Feingefühl ausgestattete Filmemacher erstmal Doppelgänger suchen, was viel Mühe machte und eine glücklicher Hand erfordert ("unfassbar gut gewählt"). Die motivierten Amateurdarsteller kommen wunderbar rüber.

Hier zeigt sich auch wieder die große Chance, die sich durch die Vielfalt einer youtubisierten Film- und Videowelt eröffnet. Mit dem Anwachsen des Internets erleben wir nun, dass Massenmedien sich in Medienmassen verwandelt. Was früher als Nische abgetan wurde, bedeutet jetzt, dass du auf dein Publikum eingehen kannst wie nie zuvor. Es bewegt sich aus dem Einen ins Viele, vom dicken, fetten Millionenpublikum in ein reiches, vielfältiges Funkeln an Kanälen. Man muss nicht mehr Filme für alle machen, sondern alle können jetzt Filme machen, die ganz speziell sind – die Talentiertesten von ihnen, wie Nimrod Tekeste, auch so, dass sie, na: so gut wie allen gefallen.

(Peter Glaser)


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4270634