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Die Farbe der Bogonen

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Die neue CeBIT gibt sich cool und lässig. Das ist angenehm, aber noch nicht innovativ.

Gestern war ich auf der CeBIT. Auf der neuen CeBIT. Die, mit dem Festival-Touch, auf der jetzt coole Acst zelebriert werden, jede Menge Pitches stattfinden und Founder Battles und Conference Talks. Sie merken schon: Mit der alten Computermesse, die als Fachschau für Bürotechnik gestartet ist, hat das nicht mehr viel zu tun. Das soll jung, hip und locker sein - aber vor allem innovativ.

Im ersten Moment hat sich das für mich tatsächlich ganz angenehm angefühlt: Weniger Schlipsträger, mehr Jeans, Dreitagebärte, weniger Meeting, mehr Diskussion und Brainstorming. Im Laufe des Tages aber verflog der erste Zauber.

Warum? Ich würde sagen, die Bogonen-Dichte auf dieser Messe ist immer noch zu hoch. Die Bogonen haben nur die Farbe gewechselt.

Bevor mich jetzt alle für übergeschnappt erklären hier die Auflösung: Früher, in der Computersteinzeit, stürzten die empfindlichen Maschinen gerne mal ab, wenn man sie nur falsch ansah. Besonders dann zum Beispiel, wenn der Chef seinen Vorstandskollegen mal vorführen wollte, wie effizient diese neue Datenverarbeitung denn funktioniert.

Die Techniker, die damals oft aus der Physik kamen, hatten dafür eine scherzhafte Erklärung: Anzuträger, Entscheider, Manager - kurz: wichtige Menschen - emittieren fiktive "Unfug-Teilchen" (Bogus ist Schein, Schwindel), die die empfindliche Elektronik durcheinander bringen.

Lange Jahre harter Praxis haben die Elektronik unempfindlicher gemacht, aber ich kriege immer noch Kopfschmerzen von zu vielen Bogonen. Auf der betont lockeren, neuen CeBIT gibt es zwar nicht mehr so viele Anzuträger, aber immer noch jede Menge "wichtigen" Unfug: Pitches, Founder Battles und Conference Talks - Erzählungen von heldenhaftem Gründertum, Sitzsäcke, nackte Paletten und Tischkicker simulieren einen jungen, unverbrauchten Geist. Von Steve Jobs erzählt man, dass er zu den ersten Terminen bei Banken Barfuß und in Jeans gegangen ist, weil er Geld einfach nicht wichtig fand - jedenfalls viel weniger wichtig als die Technologie, die er vorantreiben wollte. Das kann man von den meisten Gründern heute nicht behaupten.

(Wolfgang Stieler)


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