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Evolution ins Nichts

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Die Entstehung der Arten

Klassiker neu gelesen: Selten wurde ein Buch so oft missverstanden wie Charles Darwins "Entstehung der Arten".

Es gibt wenige Forscher, die sowohl als Person als auch mit ihren Erkenntnissen eine derartige Bekanntheit erlangt haben wie Charles Darwin. Wer kennt heutzutage nicht das Schlagwort vom „survival of the fittest“ – fälschlich übersetzt als „Überleben des Stärkeren“ im Kampf der Individuen untereinander.

Dabei haben sich die kolportierten Leitgedanken etwas verselbstständigt und überlagern die historischen Fakten: Darwin war kein kirchenfeindlicher Revolutionär. Auch war die Argumentation in seiner 1859 erstmals veröffentlichten Abhandlung über „Die Entstehung der Arten“ keineswegs auf Provokation angelegt.

Das zeigt sich bei der heutigen Lektüre dieses unaufgeregt argumentierenden Klassikers. Die jüngst veröffentlichte illustrierte Ausgabe des Darmstädter Theiss Verlags bietet dafür eine gute Gelegenheit. Sie reichert das Werk nicht nur mit Bildmaterial an, sondern auch mit Auszügen aus anderen Werken, aus der Autobiografie und aus Briefen Darwins.

Zugleich zeigt die Zusammenschau, wie sehr Darwin ein Mann seines Jahrhunderts war. Seine Theorie fiel keineswegs vom Himmel, vielmehr war die Zeit reif dafür. Eine ganz ähnliche Evolutionstheorie skizzierte zum Beispiel der Handlungsreisende Alfred Russel Wallace in einem Brief an Darwin.

Darwins Verdienst ist es jedoch, sie zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammengefügt zu haben, untermauert mit unendlich vielen Beispielen und plausiblem Anschauungsmaterial. Dabei wird deutlich, wie sehr Darwins zentrale Thesen in der breiten Öffentlichkeit verkürzt und zum Teil instrumentalisiert wurden: Von den Nachkommen in Tier- und Pflanzenwelt überleben jene, die sich dank ihrer – im Vergleich zu den anderen Exemplaren – ein wenig andersartigen Merkmale besser an die Umwelt anpassen können.

Es geht um Anpassung, nicht um Kampf. Es geht nicht um das Überleben des Stärkeren, sondern des besser Angepassten. Darwin machte zudem deutlich, welch zentrale Rolle der Zufall bei diesen Prozessen spielt. Er sah keine zielgerichtete Entwicklung zum Besseren.

Charles Darwin: „Die Entstehung der Arten“, Theiss Verlag Darmstadt, 560 Seiten, 49,95 Euro (E-Book 39,99 Euro).

(Inge Wünnenberg)


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