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KO durch KI?

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Wie in jeder neue Technologie, so schlummern auch in der Künstlichen Intelligenz Gefahren. Lassen sie sich durch Risikobewusstsein vermeiden?

Die KI-Community ist eine relativ kleine, aber sehr einflußreiche Gruppe, von der man überall auf der Welt Orientierung in zentralen Zukunftsfragen erwartet. Rund 10.000 Wissenschaftler, Ingenieure und Entwickler arbeiten derzeit ganz vorne an den unterschiedlichen Aspekten der Konstruktion intelligenter Maschinen. Nach den beachtlichen Fortschritten im letzten Jahrzehnt ist es nun wichtiger denn je, sicherzustellen, dass die entwickelten KI-Technologien positiv wahrgenommen und angenommen werden. Der Schlüssel dazu liegt in einem realistischen Risikobewusstsein.

Auch als Ende des 19. Jahrhunderts das elektrische Licht aufkam, waren Skepsis und Sorge verbreitet. In Paris gingen die Damen damals nachts mit Schirmen durch die Straßen, da sie Angst vor dem stechenden Licht hatten. Knapp anderthalb Jahrhunderte später verbreitet sich wieder eine neue Technologie, wieder spielen Schirme eine wichtige Rolle, Bildschirme diesmal.

Mit dem Aufkommen von sprachgesteuerten Assistentinnen, Robot-Finanzberatern und selbstfahrenden Autos öffnet sich auch ein Fächer neuer Probleme. Zunehmend lassen sich Markteinbrüche durch intelligente Börsensoftware beobachten. Chatbots werden rassistisch. Den ersten tödlichen Unfällen durch selbstfahrende Autos werden weitere folgen. Experten wie der KI-Sicherheitsforscher Roman Yampolskiy gehen davon aus, dass sowohl die Häufigkeit als auch der Schweregrad solcher Ereignisse mit zunehmender KI-Fähigkeit immer weiter zunehmen wird. Die Missgeschicke der heutigen KIs mit beschränktem Wirkungsbereich ("narrow AI") sind möglicherweise nur eine Vorwarnung.

Matthias Spielkamp, Mitgründer der Plattform AlgorithmWatch, verweist darauf, dass der immer umfangreichere Einsatz von KI in Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung keine nur auf China und die USA begrenzte Erscheinung ist. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge werden bereits in zwölf europäischen Ländern weitreichende Systeme zur automatisierten Entscheidungsfindung eingesetzt, etwa beim Anzeigentargeting oder, im öffentlichen Sektor, bei Verfahren, durch die Personen nach unterschiedlichen Merkmalen automatisch bewertet werden, etwa beim Verdacht auf Sozialbetrug.

In Europa ist nicht einmal der Hälfte der Bevölkerung bewußt, dass KI-Algorithmen in immer mehr Lebensbereichen eingesetzt werden. Die fehlende Information betrifft insbesondere Anwendungen, deren algorithmische Entscheidungen sich auf die soziale Teilhabe der Menschen auswirken können, wie etwa bei der Jobsuche, in der medizinischen Diagnostik oder den Scoring genannten statistischen Überprüfungsverfahren bei der Kreditvergabe.

"Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen", läßt Goethe 1821 in "Wilhelm Meisters Wanderjahre" eine beunruhigte Zeitgenossin ausrufen. Aber wenn wir angesichts neuer Technologien immer düstere Zukunftsaussichten heraufbeschwören, geben wir ein Stück Hoffnung preis. KI kann auch eine Methode sein, mit der wir mehr über uns selbst erfahren. Bei vielen KI-Forschern ist das ein wichtiger Ansporn für ihre Arbeit.

Wie funktioniert das Denken? Vielleicht finden wir neue Lösungen für alte Fragen. Gleichzeitig fordern uns die Maschinen auf ungeahnte Weise heraus: "Wir Menschen werden erkennen, dass unsere Intelligenz nicht einzigartig ist", sagt Thomas Christaller, der bis 2010 das Fraunhofer-Institut für intelligente Analyse- und Informationssysteme leitete. "Wenn es tatsächlich gelingt, für einen interessanten Ausschnitt menschlicher intelligenter Leistungen ein Erklärungsmodell in Form eines Computerprogramms herzustellen, wird das einen ähnlichen Erfolg haben wie Einsteins Relativitätstheorie."

(Peter Glaser)


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