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Panikmache hilft niemandem

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Eine Studie über viele unbeabsichtigte Mutationen beim Gen-Editing-Verfahren CRISPR irritierte Forscher und die interessierte Öffentlichkeit. Jetzt publizierten Kollegen einen Bericht mit möglichen Erklärungen.

Auf Widerstand und Kritik in der internationalen Forschergemeinde von Spanien bis Australien ist eine Studie gestoßen, die Bedenken an der Sicherheit des neuen Gen-Editing-Verfahrens CRISPRCas9 weckt. Das Ende Mai im Journal Nature Methods (doi: 10.1038/nmeth.4293) veröffentlichte Paper von Wissenschaftlern dreier angesehener amerikanischer Universitäten war vor der Publikation nicht von Fachkollegen begutachtet worden – ungeachtet seiner brisanten Schlussfolgerungen und des kleinen Studienumfangs. Untersucht wurden nämlich nur zwei Mäuse, eine dritte Maus lieferte die Kontrolldaten.

Das Team um Alexander Bassuk und Vinit Mahajan berichtet in dem Paper allerdings von mehr als 1500 Mutationen an einzelnen Nukleotiden sowie mehr als 100 größeren Veränderungen an anderen als den beabsichtigten Stellen im Erbgut von zwei Mäusen. Die beiden Mäuse hatten zuvor eine Behandlung mit CRISPR erfahren. Damit sollte eine Genmutation eliminiert werden, die Mäuse erblinden lässt.

Das sechsköpfige Forscherteam der Stanford University, der Columbia University und der University of Iowa hatte sich bei der Suche nach den von der Genschere verursachten unbeabsichtigten Mutationen nicht auf die zuvor von Algorithmen berechneten Regionen des Genoms beschränkt. Vielmehr hatten die Wissenschaftler das gesamte Erbgut auf Veränderungen untersucht.

Auf die zahlenmäßig erstaunlich hohen Funde an Genveränderungen in dem Paper aus Nature Methods gingen jetzt sieben Forscher in ihrem Beitrag im Journal bioRxiv (DOI: 10.1101/159707) ein. Ihre These dazu lautet, es handle sich bei den gefundenen Mutationen "höchstwahrscheinlich um Varianten, die bereits zuvor existiert hatten und nicht um von CRISPR verursachte Mutationen". Daher äußerten die Autoren des jetzt am 5. Juli online veröffentlichten Beitrags die dringende Bitte, die Verfasser der in Nature Methods veröffentlichten Studie möchten ihre "Schlussfolgerungen revidieren oder neu formulieren, um zu verhindern, dass irreführende und ungesicherte Aussagen in der Wissenschaftsliteratur Bestand haben".

Denn die sogenannten Off-Target-Mutationen, also unbeabsichtigte Eingriffe durch das CRISPRCas9-System fern der Zielstelle, gelten als Achillesferse des noch jungen Verfahrens. Sollte man sie nicht irgendwann zuverlässig in den Griff bekommen, könnten sie bei Gentherapien für den Menschen zu mehr oder weniger starken Nebenwirkungen führen. Selbst einige der Erfinder haben vor dieser Gefahr gewarnt. Es wird allerdings bereits an präziseren Varianten gearbeitet, um die Technik für eine Anwendung beim Menschen sicher zu machen.

Wie sensibel das Thema jedoch ist, zeigte die Tatsache, dass die Veröffentlichung in Nature Methods die Börsenkurse von Biotech-Unternehmen wie Editas Medicine oder Intellia Therapeutics um etwa 15 Prozent sinken ließ. Beide Firmen planen, auf CRISPR basierende Gentherapien zu entwickeln und wehrten sich entsprechend gegen die Studie. Abgesehen davon sind bereits fast 20 klinische Studien, die auf der CRISPR-Technik basieren, in der Vorbereitung oder auch schon gestartet. Es lässt sich an diesem Punkt also nur Vorsicht einfordern: von den Forschern, dass sie bei allem Enthusiasmus für die vielversprechenden neuen Möglichkeiten nicht die Sicherheit außer Acht lassen. Andererseits hilft Panikmache all den betroffenen Patienten nicht, die auf die Heilung durch künftige Gentherapien erhoffen. Vielleicht ist das Verhalten von Editas der angemessene Mittelweg. Das Unternehmen hat seine eigenen Pläne für eine Studie, bei der mit CRISPR eine Augenkrankheit geheilt werden soll, vorerst verschoben.

(Inge Wünnenberg)


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