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"So etwas wie Rasse existiert nicht"

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So etwas wie Rasse existiert nicht

Der Genetiker Adam Rutherford leistet in seinem Buch einen klugen Beitrag zur aktuellen Rassismus-Debatte.

Die moderne Genetik revolutioniert unser Wissen, und es wäre erstaunlich, würde die Abstammungslehre des Menschen davon verschont bleiben. In „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat“ hat der Brite Adam Rutherford jetzt die neuesten Erkenntnisse zusammengetragen.

Der Genetiker und Wissenschaftsjournalist analysiert in seinem Buch die Evolution des Menschen in all ihren Facetten. Dabei greift Rutherford die jüngsten Erkenntnisse der Paläogenetik auf und zeichnet die vielfältigen Verflechtungen zwischen den zum Teil zeitgleich die Erde bevölkernden Gruppen nach: Ein Beispiel ist der Genfluss zwischen den lange als stumpfsinnig abqualifizierten Neandertalern und unseren, der Spezies Homo sapiens zugerechneten, Vorfahren. Dieser Kontakt hat dazu geführt, dass sich Neandertaler-DNA bis heute in unserem Genom wiederfindet.

Mithilfe der Erbgutanalyse entdeckten Forscher aber auch zuvor gänzlich unbekannte menschliche Linien. Dazu gehört beispielsweise der Denisova-Mensch. 2008 hatten Forscher in der namensgebenden sibirischen Höhle einen Fingerknochen von ihm entdeckt. Nach der Entschlüsselung seines Erbguts war klar: Die Geschichte der Menschheit musste wieder einmal umgeschrieben werden. Die Entdeckung in der Denisova-Höhle untermauerte die Annahme, dass zeitgleich mit Neandertaler und Homo sapiens auch noch andere Populationen der Gattung Homo existierten. So verwundert es nicht, dass auch der Denisova-Mensch seine Spuren in der DNA des modernen Menschen hinterließ.

Rutherford beschränkt sich aber nicht darauf, den neuesten Stand in Sachen Abstammungslehre pointiert zusammenzufassen. Schnell schneidet er ein Kernproblem an: Rassismus. Gerade hinsichtlich der aktuellen Debatten in den westlichen Gesellschaften leistet das Buch einen wertvollen Beitrag. Rutherford selbst hat durch seine Eltern nicht nur britische, sondern auch indische Wurzeln: „Wenn man einmal Rassismus erlebt hat, weiß man, worum es geht“, schreibt er. Mit detaillierten, vielschichtigen Informationen argumentiert er gegen die Vorurteile an.

Rutherford nutzt eine Fülle an Forschungsdaten und Beispielen, um zu zeigen, wie oberflächlich die gängigen Rassedefinitionen sind. „Genetisch unterscheiden sich zwei Schwarze wahrscheinlich deutlich stärker voneinander als ein hell- und ein dunkelhäutiger Mensch“, berichtet er. Und er weist nach, dass die Menschheit viel durchmischter ist, als sich aus ihrem Äußeren schließen lässt. „Wenn alle Menschen auf der Erde ausgelöscht würden mit Ausnahme einer der traditionellen Rassegruppen, zum Beispiel der Ostasiaten, würden noch immer 85 Prozent der genetischen Variation der Menschheit erhalten bleiben.“

Adam Rutherford: „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten“ rororo Verlag, 464 Seiten, 16,99 Euro (E-Book 14,99 Euro)

(Inge Wünnenberg)


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