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Unter einer Bedingung

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Wie die Idee in die Welt kam, dass eine Gesellschaft sich selbst beschenken kann. Eine weihnachtlich angehauchte Betrachtung.

Es war 1983 und es klingelte. Vor meiner Tür stand ein Typ mit einem Stapel Diskettenboxen unterm Arm.Ein gemeinsamer Freund habe ihm gesagt, dass ich auch einen Computer hätte, und zwar genau so einen wie er, einen Commodore C64 – den künftigen VW Käfer des Homecomputer-Zeitalters. Es war noch wirklich exotisch, einen Computer zu besitzen.

Als ich 1979 dem ersten Menschen begegnet war, der mir sagte "Ich habe einen Computer zu Hause", hörte sich das genauso an wie "Übrigens, ich habe einen Antischwerkraftgenerator in meinem Keller." Der Typ war freundlich und hielt mir die Diskettenboxen hin. "Ich hab Software", sagte er, und es hörte sich genauso an wie "Wir sind jetzt endlich auf dem Mond und ich hab Sauerstoff." Dann sagte er: "Kannst du alles umsonst haben."

Das konnte doch nicht sein. Ein fremder Mensch machte sich die Mühe, extra zu mir zu kommen, um mir Software zu schenken? Es mußten sich geschätzte 50 Disketten in den quadradischen schwarzen Schatzkistchen befinden. Und irgendwo mußte da noch ein Haken sein. Ich bat ihn herein. Im Flur sagte er dann "Es gibt eine Bedingung."

Na also, nun war die Katze aus dem Sack. "Ich schenk dir die Programme", sagte er, "aber du mußt mir versprechen, dass du sie auch wieder verschenkst." Das brachte mich aus dem Konzept. Ich hatte bis dahin schon einiges über unsere Gesellschaft gelernt, und wie sie sozial und ökonomisch funktioniert, Von einer solchen vergnügten Art der Selbstlosigkeit war mir aber nichts bekannt gewesen.

In einer Plastiktüte hatte er die Diskettenstation seines C64 mitgebracht. Er wußte, wenn man viel kopiert, wird die Diskettenstation heiß und der Schreib-Lese-Kopf dejustiert sich, also kam abwechselnd seine oder meine Diskettenstation in den Kühlschrank, während wir kopierten.

Ich weiß noch, dass ich als erstes ein Dutzend Kopierprogramme kopiert habe, Tools, die einem damals über die Unzulänglichkeiten der frühen Betriebssysteme hinweghalfen. Auch von der Software, die bei späteren Kopierorgien ausgetauscht wurde, benutzte man im übrigen die wenigste davon jemals auch tatsächlich. Stattdessen begann man sich als Mensch der alten Zeit zu erkennen, in der Besitzen noch wichtiger war als Benutzen, und die nun zu Ende ging.

Software ist eine merkwürdige neue Substanz, vor allem als Wirtschaftsgut. Einmal verfaßt, kann sie unendlich oft vervielfältigt werden. Sie erinnerte mich an die wundersame Brotvermehrung aus der Bibel, bei der aus wenigen Broten und Fischen ausreichend Nahrung für die Speisung Tausender wurde. Aber nicht die vereinfachte Möglichkeit, digitale Habe an sich zu raffen, war das Entscheidende, das mir an diesem Nachmittag mit dem Mann mit den Diskettenboxen zum ersten Mal begegnete, sondern etwas, das ursprünglich Public Domain (PD) hieß.

An den ersten Computern, an denen mehrere Menschen gleichzeitig arbeiten konnten, war die Public Domain – der "öffentliche Bereich" – ein Teil des Speicherplatzes, in dem jeder Nutzer für alle anderen verfügbar selbstverfasste Software ablegen konnte, die ihm gute Dienste leistete und die vielleicht auch für jemand anderen nützlich war. Aus dieser elektronischen Nachbarschaftshilfe gingen die ersten großen Gemeinschaftsprojekte im jungen Netz hervor, der Facebook-Urahn Usenet etwa, oder das freie Betriebssystem Linux.

Heute umfasst die vormals PD verschiedene Begriffe, die alle mit Open- beginnen – Open Source, Open Data, Open Access. Es ist die bemerkenswerte Entwicklung immer neuer, intelligenter Möglichkeiten, wie eine Gesellschaft sich selbst beschenken kann. Eine Art digitaler Dauerweihnachtsmann, wenn man so will.

(Peter Glaser)


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