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Warum ich "Auslöschung" auf Netflix nicht zu Ende gesehen habe.

Vorab: Ich liebe Science Fiction. Seitdem ich als Teenager krank im Bett lag und das erste Buch mit Kurzgeschichten von Isaac Asimov verschlungen habe, bin ich infiziert. Gut gemachte Science Fiction ist mehr als simple Weltflucht. Sie spielt mit der Realität und erweitert so den Raum vorstellbarer Welten.

Allerdings ist das Genre mittlerweile ziemlich ausgelutscht und wiederholt in einer giantischen Endlossschleife sämtliche Klischees und Stereotypen, die SF-Autoren seit den 1930er Jahren eingefallen sind. Jeff VanderMeer gehört zu einer Gruppe von Autoren, die diese Genre-Grenzen sprengen wollen. Seine "Southern Reach"-Triologie ist eine Mischung aus Science Fiction, Mystery und introspektivem Horrortrip: In "Auslöschung", dem ersten Buch der Reihe, wird das Terrain besetzt: AreaX. Ein Gebiet, irgendwo an der amerikanischen Küste, in dem vor 30 Jahren ein mysteriöses "Ereignis" stattgefunden hat. Seitdem ist dieses Gebiet durch "die Grenze" von der Umwelt abgeschlossen, doch diese Grenze dehnt sich sich unaufhaltsam aus. Elf Expeditionen haben vergeblich versucht, Antworten zu finden. Ihre Teilnehmer kehrten entweder gar nicht zurück oder auf eine unheimliche Weise verändert. Jetzt wird eine zwölfte Expedition entsandt. An ihrer Seite betritt der Leser Area X.

Seit kurzem läuft die Verfilmung des Buches von Alex Garland auf Netflix - und natürlich war ich neugierig. Ich habe mir das angesehen, und nach einer Stunde enttäuscht abgebrochen.

Warum? Aus drei Gründen: Zum einen hat Garland hat die beklemmenden Geschichte um die mysteriöse Organisation "Southern Reach", die die Expeditionen organisiert und auswertet, weitgehend aufgelöst. Offene Fragen, die im Buch ständig auftauchen, beantwortet Garland mit - nicht immer logischen - erzählerischen Versatzstücken. Am Ende sieht die Operation bei ihm aus wie eine stinknormale Militärübung.

Zweitens ist die Expedition im Buch ein psychologischer Horrortrip, dessen Bedrohlichkeit zu einem guten Teil davon lebt, dass die Teilnehmerinnen offenbar unter hypnotischer Kontrolle stehen und nicht wirklich wissen, was real ist, und was nur eingebildet. Garland macht daraus ein psychedelisch bunt eingefärbtes Disneyland, in dem hinter malerisch verfallenen Hütten plötzlich fürchterliche Monster hervorspringen.

Monster, die - und das ist der dritte Grund - natürlich nichts besseres zu tun haben, als Kehlen aufzureißen und Arme abzubeißen. Wobei die Kamera immer schön draufhalten muss - wenn nicht alle halbe Stunde das Blut schwallt, könnte sich der moderne Zuschauer ja gelangweilt abwenden.

Man könnte die exzessive Gewalt, die vor allem in Serien der Streaming-Dienste mittlerweile zum Standard gehört, kulturpessimistisch als Ausdruck zunehmender Abstumpfung interpretieren - wahlweise auch als Nebenwirkung einer Überdosis von Ego-Shootern. Meine Interpretation ist eine andere: Die exzessive Gewalt dient als Mittel zur Realitätsflucht. Sie greift das vage Unbehagen der Zuschauer über eine immer kompliziertere und bedrohliche Welt auf, und verpasst diesem Unbehagen ein Gesicht und einen Namen. Nach getaner Arbeit, dem Überstehen diverser Kämpfe, darf man sich um so wohliger in die Kissen kuscheln und sich selbst bestätigen, dass die eigene Situation - verglichen mit dem da draußen - ja eigentlich ganz super ist.

"Schwere Zeiten werden kommen. Zeiten, in denen wir uns die Stimmen von Schriftstellern wünschen werden, die Alternativen sehen können, zu der Art wie wir jetzt leben", hat die leider kürzlich verstorbene SF-Schriftstellerin Ursula K. Le Guin bei der Verleihung der National Book Awards 2014 gesagt. "Schreiber, deren Blick über unsere in Ängste verstrickete gesellschaftliche Realität mit ihrem obsessiven Gebrauch von Technologie hinausreicht. Hinaus, zu einer Art des Lebens, die uns vielleicht sogar Hoffnung machen kann. Wir brauchen Schriftsteller, die sich an die Freiheit erinnern können, Poeten, Visionäre, Realisten einer größeren Realität." Weise Worte, die sich auch der eine oder andere Regisseur zu Herzen nehmen könnte.

(Wolfgang Stieler)


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