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Im Fadenkreuz der Ortungssysteme - Der große Bruder ist Realtität

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Das ist doch eine tolle Vorstellung: Beim Spaziergang durch die City meldet sich das Handy mit den besten Sonderangeboten des Klamottenladens an dem man gerade vorbei läuft, das Café um die Ecke lädt zum gemütlichen Frühstück ein und das Fitnesscenter gegenüber wirbt mit „Exklusiven Rabatten“ um neue Laufkundschaft. Wie das funktioniert? Ganz einfach: All diese Geschäfte wissen über Handyortung, dass der Kunde gerade an ihrem Schaufenster vorbei läuft. Ortungssysteme bieten aber noch viel mehr: So können sie hilflose Personen aufspüren, die in Not geraten sind, oder Kinder finden, die den Weg nach Hause vergessen haben. Das c’t magazin zeigt, was Ortungssysteme leisten können und wie man sich vor ungewollter Peilung schützen kann.

Das Internet bekommt eine neue Dimension: den Raum. Mit dem Smartphone als persönliches Radar finden wir uns in unserer Umgebung zurecht, gehen auf Entdeckungstour, vernetzen uns lokal mit unseren Freunden und zeichnen unser Leben auf. Zwei der mächtigsten Online-Konzerne sind unterdessen dabei, das Web und uns zu vermessen: Facebook und Google.

Etwa 300 Bäcker gibt es in Hannover, und mein Smartphone kennt fast alle. Und es findet sie: Genau 427 Schritte liegen zwischen hier und dem nächsten. Wenn ich hingehe, bin ich seit heute früh genau 4,3 Kilometer unterwegs. 400 Meter sind es von hier zum Supermarkt, 398 238 Kilometer bis zum Mond. Mein Kollege sitzt seit zwei Minuten beim Italiener um die Ecke, die Antipasti sind da eher durchschnittlich, sagt mir mein Handy.

Es ist der 6. Januar 2011, 12:15, und ich stehe bei N52° 22’ 46.398“ E9° 48’ 30.197“. Diese Zahlen bedeuten, dass ich mich in Hannover befinde, Ecke Berckhusenstraße und Karl-Wiechert-Allee, und sie bedeuten auch, dass ich die Bahn noch bekommen hätte, wenn ich vor sechs Minuten losgelaufen wäre; auch das kann mir mein Handy mitteilen. Es weiß, wo ich bin und was um mich herum ist. Es weiß, wo andere sind, wenn sie ihren Standort für mich freigeben.

Geodaten erweitern das Netz und unser virtuelles Miteinander um eine neue Dimension. Dabei werden Informationen im jeweiligen Kontext zu uns in Beziehung gesetzt, nach Relevanz sortiert, per Knopfdruck oder automatisch: Weil Smartphones (und natürlich auch Tablets) wissen, wo wir sind, können sie uns sagen, was wir dort wahrscheinlich suchen, wie das Wetter dort ist und was im Kino um die Ecke läuft.

Auf der anderen Seite können wir unseren Alltag vermessen. Wir speichern, wo wir hingehen und wo wir waren. Wir messen uns beim Sport oder schreiben ein virtuelles Tagebuch: Der Artikel "Wo bist Du, Googles Geodienst Latitude" in der Printausgabe 3/2011 ab Seite 86 beschreibt exemplarisch, wie man über den Google-Dienst Latitude sein Leben aufzeichnet und sich mit Freunden vernetzt.

Nicht jedem Dienst sollte man dabei unbedenklich seine Ortsdaten anvertrauen, denn im Regelfall stehen dahinter Interessen, die Daten weiterzuverwerten – wenn auch nicht unbedingt zum eigenen Nachteil. In den Datenschutzbestimmungen findet man im Kleingedruckten manch einen Passus, der einen zumindest an den guten Absichten zweifeln lässt, wie der Artikel "Wer weiß wo? Standortbezogene Dienste und der Datenschutz" a Seite 90 in der selben Ausgabe zeigt. Es gibt aber auch viele pfiffige Dienste, die uns das Leben erleichtern, ohne dass wir dabei gleich aller Welt unseren Standort mitteilen müssen.

Gesucht, gefunden!

Den Startschuss für die flächendeckende Nutzung kommerzieller Ortungsdienste gab vor über zehn Jahren US-Präsident Bill Clinton: In der Nacht zum 1. Mai 2000 schaltete er die künstliche Verschlechterung des US-amerikanischen Navigationssatellitensystems GPS ab. Damit taugte das globale, ursprünglich militärische Erfassungssystem in einer Präzision von unter 20 Metern auch für den privaten Gebrauch, genau genug für Navigation, Ortung, Messungen und Tracking.

Seitdem boomt das Geschäft mit GPS-Empfängern, Navigationsgeräten und digitalem Kartenmaterial. Die explosionsartige Vermehrung von Diensten und Formen der Nutzung abseits der Straßenführung findet jetzt statt: Inzwischen kann fast jedes Mittelklasse-Smartphone mit Hilfe der US-Satelliten seine Position feststellen und diese Information nutzen. Die Smartphones gehen außerdem über GPS-Sensorik zur Erfassung des Orts hinaus: Viele bieten außer Mobilfunk auch WLAN, einen integrierten Kompass, Gyrosensoren und eine Kamera, mit deren Hilfe sie den Ort verlässlicher bestimmen, die Ausrichtung des Geräts abrufen und die Umgebung scannen können.

Eine Software-Grundausstattung für Ortung bringt ebenfalls fast jedes Handy von iPhone bis Android in Form von Googles, Microsofts oder Nokias vorinstallierten Kartenanwendungen mit. Über Schnittstellen können andere Anwendungen darauf zugreifen: So startet ein Klick auf eine Adresse im E-Mail-Client Google Maps und Anwendungen nutzen die Kartendienste bei der Standortbestimmung. Entwickler finden außerdem in Openstreetmap eine weitere Quelle, über die sie Dienste auf Referenzkarten implementieren können.

In die Karten geschaut

Mit den vorinstallierten Kartenanwendungen der Smartphones kommt man schon ziemlich weit. Google Maps beispielsweise lädt aus dem Netz Straßenkarten und Satellitenbilder vom aktuellen Ort und kann damit Routen für Autofahrten ebenso wie für Fußmärsche berechnen – sogar die Verkehrsdichte in einigen Städten blendet Maps ein. Die neueste Version 5 für Android zeigt Geländekarten, die jüngst in Deutschland freigeschalteten Street-View-Bilder und in vielen Städten 3D-Modelle der Gebäude. Dazu bietet die Android-App eine echte Fahrzeugnavigation.

Mit dieser Feature-Fülle kann derzeit allenfalls Nokia mit Ovi Karten für aktuelle Symbian-Smartphones mithalten: Umfassendes Kartenmaterial, Straßennavigation und Infos zur Umgebung gehören auch hier zur Grundausstattung. Obendrauf hat Nokia noch eine Vielzahl weiterer Dienste gepackt: Reiseführer für Städte und einen standortbezogenen Event-Kalender zum Beispiel. Die Daten kommen größtenteils von Navteq, einem Kartendienstleister, der beim Erfassen seiner digitalen Karten inzwischen sogar Schilder der Straße und von Geschäften ausliest, um verlässlichere Informationen über Orte zu bekommen.

Google setzt beim Aufnehmen von interessanten Orten (POIs) stattdessen auf die Hilfe der Geschäfte selbst und nutzt dafür seine Marktmacht im Suchmaschinengeschäft. An seinem vor einem halben Jahr in Google Places umbenannten Branchendienst kommt eigentlich keiner vorbei, weil gut gepflegte Profile für die Unternehmen als Aushängeschild dienen, wenn sie über die Suchmaschine gefunden werden. Die dort eingetragenen Daten wie Position, Adresse, Telefonnummer, Öffnungszeiten und Link zur Homepage verknüpft Google mit Bewertungen und Bildern aus anderen Quellen wie den Bewertungsportalen Google Hotpot und Qype, der Ärzte-Webseite Jameda oder Googles Bilderdienst Panoramio.

Der hinterlegten Datenfülle wird man auf den meisten Smartphones erst gewahr, wenn man in Google Maps statt einer Adresse einen Suchbegriff eingibt: „Zahnarzt“ findet Dentisten in der Nähe, „Pizza“ fördert Restaurants und Bringdienste zu Tage. Auf seiner eigenen Handy-Plattform Android hat Google eine Oberfläche aufgesetzt, mit der man per Klick nach typischen POI-Kategorien suchen kann. Auf dem iPhone erledigen diese Kategorisierung Apps wie das kostenpflichtige Wohin?, das weit feinere Kategorien als Google Maps selbst bietet und mit dem man auch Favoriten anlegt oder sich von Zufallstreffern inspirieren lassen kann. Auch klassische Branchenverzeichnisse wie Das Örtliche übersetzen ihren gepflegten Datenbestand inzwischen
in eigene Smartphone-Anwendungen.

Wo bist du?

Standortbezogene Netzwerke wie Foursquare und Gowalla beruhen anders als die Fahrplanund Sternenfinder auf Gegenseitigkeit: Wer etwas von seiner Umgebung mitbekommen will, muss auch ein bisschen von sich selbst preisgeben. Ihr Prinzip ist simpel: Anhand der per GPS, WLAN oder Mobilfunk ermittelten Position erkennt das Smartphone, ob man sich gerade im Café, im Supermarkt oder an der Bushaltestelle an der Kreuzung aufhält. Mit einem Klick „checkt“ man ein und sieht, wer noch da ist, wer kürzlich da war und wer häufig zu Besuch ist. Die virtuelle Präsenz der Orte wertet man mit hochgeladenen Fotos, Kommentaren oder Tipps auf.

Der Nutzen ist vielfältig: Man findet heraus, welche Orte beliebt sind, warum sie beliebt sind und wer mit wem abends wo unterwegs ist. Ist ein Bekannter um die Ecke, kann man sich spontan verabreden. Für fleißiges Loggen gibt es virtuelle und echte Belohnungen: In Foursquare sammelt man Punkte und kann mit seinen Freunden wetteifern: Wer in den vergangenen 60 Tagen am häufigsten an einem Ort eingecheckt hat, erhält dafür eine virtuelle Krone und den Titel Bürgermeister. Für Aufgaben gibt es Auszeichnungen („Badges“), zum Beispiel wenn man häufig ins Fitness-Center geht. In Gowalla kann man virtuelle Gegenstände sammeln und tauschen und sehenswerte Touren für andere Nutzer erstellen.

Solche Logdaten sind für Unternehmen interessant, die potenziellen Kunden vor Ort einen kleinen Stoß in Richtung ihres Geschäfts geben wollen. Einige Shops halten für Foursquare-Benutzer spezielle Angebote bereit oder geben ihren Bürgermeistern Freigetränke aus, in Gowalla findet man beim Einchecken gelegentlich virtuelle Coupons.Aber auch nicht ganz so aufdringliche Werbeaktionen sind möglich: So fügte der US-Sender History Channel geschichtsträchtigen Orten Tipps hinzu, um Werbung für eine Fernsehserie zu machen, National Geographic lockt mit Gowalla-Touren in Städte wie Paris oder Rom.

Foursquare bietet Ladenbesitzern außer Gutscheinen und Aktionen ein weiteres Mittel zur Kundenakquise: Sie erhalten für ihr Geschäft detaillierte Foursquare-Statistiken darüber, wer wann wie oft kommt, wer schon länger nicht mehr da war und zu welchen Stoßzeiten die Netzwerker am häufigsten da sind.

Die Idee mit dem Einchecken, den Coupons und den Bürgermeistern als Motivation zieht – und findet zahlreiche Nach ahmer. Das deutsche Portal friendticker kopiert das Prinzip von Foursquare, der Bewertungsdienst Qype hat inzwischen ebenfalls eine Eincheckfunktion implementiert, Google arbeitet an einer für Places.

Freunde finden

Auch das Schwergewicht unter den Freunde-Netzwerken, Facebook, macht seit Neuestem mit. Dessen über 500 Millionen Nutzer können die Frage „Wo bist Du?“ über den Dienst „Facebook Orte“ beantworten. Der Funktionsumfang ist gegenüber dem anderer Netzwerke noch stark begrenzt. Über die für diverse Plattformen verfügbare Facebook-App und touch.facebook.com kann man sich wie bei Foursquare an Orten einchecken, die laut Facebook-Datenbank in der Nähe sind.

Im eigenen Facebook-Profil und in der Meldungsübersicht der Freunde erscheint nach dem „Check in“ ein Kartenausschnitt mit Position, Datum und Uhrzeit sowie Kommentar, falls man einen hinterlassen hat. Gleichzeitig bekommt jeder Ort eine eigene Profilseite, auf der aufgelistet wird, wer aus der eigenen Freundesliste wann ebenfalls dort war. Die Facebook-Betreiber hatten bei der Konzeption der Erweiterung offensichtlich auch ihre Werbepartner im Kopf: Sie können den Nutzern „Deals“ beim Einchecken anbieten. Zu den ersten Teilnehmern von „Facebook Deals“ zählen McDonald’s, H&M und Starbucks.

Beim derzeit nur in den USA verfügbaren Netzwerk Loopt rückt dagegen das Finden von alten und neuen Freunden in den Vordergrund: Man kann sich anzeigen lassen, wo Freunde sind und sich per Chat verabreden. Das deutsche Freunde-Netzwerk Aka-Aki funktioniert ähnlich und verhilft zusätzlich zu unverhofften Begegnungen: Befinden sich Aka-Aki-Nutzer im Umkreis von 20 Metern, erhält man auf dem Smartphone eine Push-Nachricht.

Weitere Informationen rund um die Geodienste finden Sei in der Printausgabe 3/2011 des c't magazins. Einen Überblick über die angebotene Dienste liefert der Beitrag "Gewusst wo! Mit Smartphones und GPS-Empfängern die Welt entdecken und sein Leben protokollieren"ab Seite 80. Über die Funktionsweise und die Möglichkeiten von Googles dienst Latitude informiert der Artikel "Wo bist'n Du? Googles Geodienst Latitude" ab Seite 86. Die Datenschutzrechtlichen Aspekte von Geodiensten beleuchtet der Beitrag "Wer weis wo? Standortbezogene Dienste und der Datenschutz" ab Seite 90. Alle Beitrage erhalten Sie ab dem 31.1.2011 auch als PDF-Datei in c't Kiosk. (Achim Barczok) / (gs)

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