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Vorsicht Kunde! - Die gefälschte Festplatte mit fremden Daten von Ebay

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Der in Österreich lebende Kommunikationswissenschaftler und Linux-Profi suchte Anfang März nach einer externen USB-Festplatte. Es sollte ein kompaktes Gerät mit Spannungsversorgung via USB werden, denn ein externes Netzteil wollte Klaus D. nicht umherschleppen. Die Kapazität brauchte indes nicht rekordverdächtig hoch zu sein.

Bei eBay Österreich entdeckte er gleich ein halbes Dutzend passender Angebote. Besonders attraktiv erschien ihm die Offerte von "you_shopping_tube": Für nur 46,99 Euro bot dieser mehrere nagelneue USB-Festplatten von Toshiba zum "Sofort kaufen" an. 1,8", 60 GByte, direkt via USB mit Strom versorgt und gerade mal 9,8 cm x 6,1 cm x 1,1 cm groß – genau das war es, was Klaus D. suchte. Dass der Händler seinen Sitz in Hongkong hatte, störte den Käufer kaum: Die Versandkosten waren mit 6,99 Euro moderat und zudem versprach die Zahlung via PayPal Käuferschutz bis 1000 Euro.

Kurzerhand klickte Klaus D. am 3. März auf den "Sofort kaufen"-Button und bezahlte das Laufwerk per PayPal. Eine Woche später hielt er sein neues Laufwerk in den Händen. Allerdings stand auf der externen Festplatte nicht, wie im Angebot zu sehen, "Toshiba", sondern "Samsung". Da das Samsung-Gehäuse gefälliger wirkte, störte sich Klaus D. nicht an diesem Unterschied.

Verdächtig, verdächtig

Stutzig wurde er allerdings nach dem Anschließen des Laufwerks: Die Platte meldete sich mit "Initio MK6006GAH" und nicht wie erwartet mit "Samsung". Misstrauisch geworden schraubte der studierte Medienwissenschaftler das externe Gehäuse auf – und traute seinen Augen nicht: In dem vermeintlich nagelneuen Gerät steckte eine verbeulte Toshiba-Festplatte, die laut Typenschild für Apples iPod verwendet werden sollte. Kurzerhand ließ er ein Datenrettungsprogramm auf das angeblich neue Laufwerk los – und hatte innerhalb kürzester Zeit eine stattliche Musiksammlung "gerettet".

Unverzüglich reklamierte er beim Verkäufer. Er hatte gemäß Angebot für eine neue Platte bezahlt und wollte sich nicht mit einer gebrauchten zufriedengeben. Der Verkäufer zierte sich zwar etwas und versuchte zunächst, den Umtausch zu verweigern, weil die "Garantie" ja durch das Öffnen des Laufwerks erloschen sei. Doch so einfach ließ sich Klaus D. nicht abwimmeln. Letztlich einigte man sich auf einen Austausch. Die Platte ging auf die Rückreise und traf laut Tracking des Paketdienstes am 16. in Hongkong ein. Es folgte ein munterer Schriftwechsel und nach einigem Hin und Her bestätigte der Verkäufer am 24. endlich den Eingang der Platte. Klaus D. bestand auf den Austausch gegen ein wirklich neues Toshiba-Laufwerk mit einem ebenfalls neuen Innenleben ohne "Apple"-Logo. Doch der Verkäufer erklärte, dass die Typenschilder aller in Hongkong angebotenen 1,8"-Laufwerke einen angebissenen Apfel zeigten. Das stünde, so insistierte er, für "Apple kompatibel" und sei völlig in Ordnung. Im Übrigen sei es völlig normal, dass auf einer neuen Festplatte Datenfragmente zu finden seien. Das deute nicht auf ein gebrauchtes Laufwerk hin, sondern zeige nur, dass das Laufwerk getestet worden sei.

Weitere wirre Ausflüchte folgten, aber letztlich versprach der Verkäufer, nun ein neues Gerät zu schicken. Das ursprünglich angebotene Toshiba-Modell könne er aber nicht mehr liefern. So erklärte sich Klaus D. damit einverstanden, wieder ein Gerät von Samsung zu erhalten.

Dasselbe Lied

Die "neue" externe Festplatte traf am 2. April ein. In dem äußerlich neu erscheinenden Gehäuse entdeckte Klaus D. wieder eine Toshiba-Festplatte mit Apple-Logo. Immerhin war die Patte diesmal nicht verbeult, zeigte aber doch deutliche Gebrauchsspuren. Um ganz sicher zu gehen, wandte sich Klaus D. an den Festplattenhersteller. Toshiba ermittelte anhand der Seriennummer, dass diese Platte am 19. August 2005 für Apple produziert worden war. Die Musikdaten, die Klaus D. auch auf diesem Laufwerk restaurieren konnte, bestätigten ihm, dass der Verkäufer ihm erneut ein gebrauchtes Laufwerk als Neugerät verkaufen wollte.

Die negative Bewertung bei eBay, die Klaus D. nach diesen Erfahrungen abgab, versah der Verkäufer mit dem Kommentar: "take care your business first cheep reseller jealousy another one cannot help you to earn more mones – stupid". Per E-Mail stellte Klaus D. klar, dass er kein Wiederverkäufer sei, sondern ein betrogener Kunde, der lediglich darauf besteht, die bezahlte Neuware zu erhalten. Im weiteren Verlauf bot der Verkäufer die Erstattung des Kaufpreises an, wenn Klaus D. die Ware zurückschickt und die negative Bewertung löscht. Auch eine Erstattung der vom Kunden verauslagten Rücksendekosten für die erste Reklamation wollte der Verkäufer nicht zusichern, solange die negative Bewertung nicht zurückgenommen würde.

Solche Spielchen lagen Klaus D. nun überhaupt nicht. Die negative Bewertung wollte er auf keinen Fall zurückziehen – schließlich, so schrieb er uns, würden nur so auch andere Käufer vor diesem Anbieter gewarnt.

Nachgeforscht

Sonderlich überrascht waren wir von den Erfahrungen der Käufer mit diesem Händler nicht. Gefälschte Ware aus China – das gehört bei eBay schließlich fast schon zum normalen Sortiment. Zwar sperrt das Auktionshaus nach Intervention betroffener Hersteller regelmäßig Auktionen, doch wirklich Herr wird man dieser Plage damit nicht.

Ein Blick auf die sonst noch vom Verkäufer "you_shopping_tube" weltweit angebotenen USB-Laufwerke überraschte uns dann doch: Der Verkäufer bietet externe 1,8"-Laufwerke von "Samsung", "Toshiba" und "Hitachi" weltweit an. Wir besorgten uns einige der offerierten Laufwerke und stellten fest, dass zumindest in den von uns geprüften Modellen mit "Samsung"- und "Hitachi"-Logo gebrauchte Festplatten von Toshiba steckten. Ein Gerät mit Toshiba-Logo konnten wir leider nicht auftreiben, es steht aber zu befürchten, dass auch in diesen als neu verkauften Modellen gebrauchte Festplatten stecken.

Bei einigen Modellen hatten sich die Fälscher sogar die Mühe gemacht, das Label auf den intern verbauten Toshiba-Platten zu manipulieren. Die darauf vermerkte Seriennummer war in einer abweichenden Schrifttype aufgedruckt und erwies sich als "erfunden". Anhand der via ATA-Kommando ausgelesenen tatsächlichen Seriennummern konnten wir letztlich verifizieren, dass es sich auch bei diesen Platten um ursprünglich für Apple gefertigte Modelle handelt. Offensichtlich wollten die Fälscher das verräterische Apple-Logo entfernen, damit die Käufer nicht zu schnell argwöhnisch werden.

Besonders dreist: Bei den als "Hitachi" verkauften externen 1,8"-Platten verspricht die Verpackung ein modernes Laufwerk mit 8 MByte Cache und einer Drehzahl von 5400 U/min. Tatsächlich arbeitet in den Gehäusen aber ein Uralt-Produkt mit gerade einmal 2 MByte Cache und lediglich 4200 U/min.

Fantasieprodukte

Das Pikante an den offerierten "Markenlaufwerken": Auf Nachfrage bestätigten uns sowohl Toshiba als auch Samsung und Hitachi, dass sie selbst gar keine externen 1,8"-USB-Laufwerke in solchen Designs anbieten oder herstellen. Die Betrüger haben sich diese Produkte einfach ausgedacht – angefangen vom Gehäuse bis hin zur Verpackung ist das komplette Produkt eine Erfindung der Fälscher. Da verwundert es auch nicht mehr, dass alle angebotenen "Samsung"-Modelle dieselbe Seriennummer "25720RP0058" ziert.

Nachdem wir Toshiba, Samsung und Hitachi über den Missbrauch ihrer Markennamen informiert haben, kündigten alle drei Hersteller an, gegen die von Hongkong aus agierenden Fälscher vorzugehen.

Und eBay? Hier verweist man auf das speziell für Hersteller eingerichtete Anti-Markenpiraterie-Programm. Über dieses könnten die Markeninhaber gezielt nach Produktfälschungen bei eBay suchen und die Angebote dann sperren lassen. Der Powerseller "you_shopping_tube", so informierte uns eBay-Pressesprecherin Maike Fuest, werde nun erst einmal für 30 Tage gesperrt. Sobald die Markeninhaber sich offiziell bei eBay melden, würde er dann komplett von eBay ausgeschlossen.

Betroffene Kunden, die bereits eine externe Festplatte mit gebrauchtem Innenleben erworben haben, können nur hoffen, dass das Gerät noch möglichst lange durchhält. Denn es lässt sich nicht mal grob schätzen, wie lange die durch den mobilen Einsatz vorbelasteten Laufwerke noch funktionieren werden. Bei unserer Suche nach Betroffenen stießen wir auf einige, deren Platten bereits nach wenigen Wochen nicht mehr korrekt arbeiteten. Die Chance, dann noch vom Verkäufer Ersatz zu bekommen, dürften mehr als schlecht sein. Auch von PayPal ist hier keine Hilfe zu erwarten – schließlich wurde der Kaufvorgang selbst ja korrekt abgewickelt. Zudem muss ein Antrag auf Käuferschutz innerhalb von 45 Tagen gestellt werden.

Hintermänner

Doch wer verkauft da mit nicht gerade geringer krimineller Energie weltweit gefälschte externe 1,8"-Festplatten und noch dazu alt für neu? Hinter den eBay-Pseudonym "you_shopping_tube" steckt Chi Fai Yim, der sich selbst "Andy Yim" nennt. Seine "You_shopping_tube Company Ltd" hat ihren Sitz im Bezirk Kowloon im zweiten Stock im "Chun Man Court", einer der vielen Hochhausschluchten in Hongkong. Das Unternehmen beschreibt sich selbst als "Trading Company" mit Schwerpunkt auf Westeuropa. Es bietet diverse mobile Datenspeicher an. Beworben werden im Moment allerdings nur 2,5"-Lösungen ohne erkennbare Herstellerangaben.

Natürlich wollten wir auch von "Andy Yim" wissen, wie er sich zum Vorwurf des Handels mit Plagiaten stellt und warum er seinen Kunden Neuware anbietet, dann aber gebrauchte Festplatten verschickt. Doch bis zum Redaktionsschluss blieb "Mr. Chi Fai Yim" eine Antwort schuldig. (Georg Schnurer) / (gs)

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