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Vorsicht Kunde! - Die lila Pause

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Mark P. gehört zu den 2,3 Millionen Menschen, die Kabel BW in Baden-Württemberg mit Fernsehen versorgt. Eigentlich könnte er sich ob dieses Umstandes glücklich schätzen – schließlich gilt der Anbieter vor allem beim Digitalfernsehen unter den deutschen Kabelnetz-Providern in vielen Punkten als leuchtendes Vorbild: Im Unterschied zu Kabel Deutschland und Unitymedia speist Kabel BW über DVB-C nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender unverschlüsselt ein, sondern auch die Kanäle der großen Privatsenderketten Pro-SiebenSat.1 und RTL.

Ende November vergangenen Jahres erklärte Kabel BW sogar den Empfang von hochauflösendem Fernsehen (HDTV) für Kunden seines Digital- TV-Netzes zum „Standard“. Tatsächlich verbreitete Kabel BW damals nicht nur bereits 19 HDTV-Sender, sondern hatte auch schon bekanntgegeben, „Das Erste HD“ und „ZDF HD“ im Regelbetrieb ausstrahlen zu wollen – lange vor Kabel Deutschland. Passend dazu kündigte Kabel BW den HDTV-tauglichen Humax iHD-Fox C als „Standard-Receiver“ für monatlich 2 Euro oder einmalig rund 130 Euro an. In seiner offiziellen Pressemitteilung beschrieb der Provider das Gerät damals als einen HD-Receiver, der „als Einsteigergerät beste Bildqualität gerade auf modernen Flachbildfernsehern“ biete.

Von diesen Versprechungen angelockt, wollte P. HDTV selbst erleben und mietete da her bei Kabel BW den Humax-Receiver noch im Erscheinungsmonat Dezember 2009 von Kabel BW. Tatsächlich lieferte der Receiver nach der Installation ein ansehnliches Bild.

Kurze Freude

Die Freude über den gelungenen Einstieg in die neue Fernsehwelt erhielt am 27. Januar 2010 für den frisch gebackenen HDTV-Zuschauer jedoch einen drastischen Dämpfer. An diesem Tag wurde über das Kabel-TV-Netz von Kabel BW ein Firmware-Update für den iHD-Fox eingespielt. Wirklich ablehnen konnten Besitzer des Gerätes die neue Firmware-Version nicht: Zwar lässt der Receiver seinem Besitzer zunächst die Wahl, ob er das Update sofort oder später einspielen will – spätestens wenn er das nächste Mal aus dem Standby hochfährt, installiert er das Update aber auf jeden Fall. Welche Verbesser ungen die damalige Firmware brachten, blieb mangels Change log unklar.

Dass sich mit der neuen Firmware aber etwas verändert hatte, merkte P. sofort nach dem anschließenden Receiver-Neustart: Der versah fortan über seinen HDMI-Ausgang alle Fernsehbilder mit einem kräftigen lila Farbstich. Ob Trennung von Fernseher und Box für mehrere Minuten, Werksreset oder neuerliches Einlesen aller Kanäle – alle Versuche, wieder ein Bild mit korrekten Farben zu bekommen, blieben erfolglos. P. stellte fest, dass er nicht als ein ziger Kabel-BW-Kunde von der Verschlechterung durch das Firmware-Update betroffen war: Im Internet-Forum des Providers und von Foren-City.de fanden sich einige, die ihrem Unmut über das lila Bild Luft machten. Tatsächlich ergab sich aus den Rückmeldungen in den Foren, dass unter anderem TV-Geräte von Loewe, Sony und Grundig ebenso ein eingefärbtes Bild anzeigten wie Projektoren aus dem Hause Hitachi.

Eine Erklärung oder gar Hilfe erhielten die Betroffenen jedoch nicht: Receiver-Hersteller Humax verwies bei Anfragen auf Kabel BW, dessen Kundenservice erklärte seinerseits lapidar, dass das Problem bekannt sei und es an einer Lösung gearbeitet werde. Einige Forenteilnehmer berichteten, auf Anfragen per Mail überhaupt keine Antwort erhalten zu haben. Am 29. Januar meldete sich im besagten Forum zwar ein Kabel-BW-Mitarbeiter mit der Bitte, sich umgehend mit Angaben zum benutzten Fernseher bei der Hotline zu melden. Dann jedoch begann das lange Warten.

Um den Betroffenen schnell Hilfe zu leisten, hätte man gleich nach Auftreten des Problems die vorherige Firmware-Version mit einer neueren Versionsnummer über das Kabel-BW-Netz verbreiten können. Dies geschah jedoch nicht – vielmehr sah sich der Kabelnetz-Provider offenbar nicht einmal in der Lage, die Verteilung des problematischen Updates zu stoppen. So hörte P. nach eigenen Angaben vom Kabel-BW-Kundenservice, dass keine Austauschgeräte mit der alten Firmware an die betrof fenen Kunden herausgeschickt würden, da sich dieses ja nach der Installation auch gleich wieder das Update ziehen würde.

(K)eine Erlösung

Gegen Mittag des 22. Februar, also fast vier Wochen nach dem Beginn der Ausspielung des folgenreichen Updates, tauchte im Kabel-BW-Netz schließlich eine neue Firmware für den iHD-Fox C auf, die den Farbstich wieder beseitigte. Erst am Morgen des Tages gab es im Kabel-BW-Forum überhaupt einen Hinweis auf das bevorstehende Update. Abseits des Bugfix war wiederum keine Änderung an der Betriebssoftware festzustellen.

Ist die Fernsehwelt mit dem iHD-Fox C nach dem Update also wieder in Ordnung? Nicht ganz, denn bei all dem Chaos um lila Bilder ist es mit insgesamt drei Updates seit Marktstart bislang gerade einmal gelungen, zwei von über 20 bekannten Bugs und Unzulänglichkeiten des Receivers zu beheben – darunter Probleme mit der Ausgabe des Dolby-Digital-Tons über SPDIF und die Einschränkung, dass sich die Programmplätze 1 bis 99 nicht frei belegen lassen. Auch kann man bei dem für den Empfang von Sky zertifizierten Humax iHD-Fox C die Unterkanäle bei den Multifeed-Kanälen des Pay-TV-Sen ders nicht über eine Optionstaste anwählen.

Mark P. nervt vor allem, dass sich sein Receiver automatisch auf das HD-Ausgabeformat 576p zurückstellt, wenn er die zuvor eingestellte Auflösung – wie 720p und 1080i – nicht per HDMI-Handshake mit dem Fernseher verifizieren kann. Dies ist der Fall, wenn die Handshake-Abfrage des Humax ins Leere läuft – beispielsweise weil der Fernseher noch nicht hochgefahren ist oder nicht der passende HDMI-Kanal am TV eingeschaltet ist. P. behilft sich mittlerweile mit einer programmierbaren Fernbedienung, über die der Humax-Receiver den Befehl zum Aufwachen erst erhält, wenn der Fernseher schon angeschaltet und der HDMI-Kanal ausgewählt ist. Nach Ansicht von P. und anderen Nutzern befindet sich das Gerät eher noch in der Entwicklung und ist nicht serienreif.

Man kann den Kabel-BW-Kunden aber auch nicht raten, sich einfach einen anderen HDTV-tauglichen Kabel-Receiver zu kaufen. Die Baden-Württemberger verschlüsseln nämlich alle Pay-TV-Kanäle – ega, ob eigene oder fremde Angebote – mit dem Videoguard-System von NDS, für das es kein offizielles CA-Modul gibt. Die Auswahl an HDTV-Receivern ist somit recht beschränkt: Kabel BW bietet neben dem iHDFox C selbst nur den Recorder iHD-PVR C von Humax an. Der Hersteller selbst listet nur noch den Oldie PR-HD1000C auf seiner Seite. Von Dream Multimedia lassen sich die Modelle DM-800 und DM-8000 mit einem SoftCAM dazu bringen, Videoguard-verschlüsselte Programme zu empfangen – eine gültige Abokarte vorausgesetzt. Ob man diese mit den nicht zertifizierten Dreamboxen bekommt, kann allerdings niemand garantieren.

Nachgefragt

Als wir uns wegen der Vorkommnisse bei Humax erkundigen wollten, kamen wir uns zunächst vor wie die betroffenen Kunden: Der Pressesprecher des Unternehmens teilte uns mit, dass eine Stellungnahme zu diesen Fragen allein Kabel BW obliege. Immerhin war der Provider aber zu einer Auskunft bereit – und überraschte uns mit der Feststellung, dass von Humax zwar die Hardware stamme, statt der Original-Firmware des koreanischen Herstellers aber eine Betriebssoftware vom britischen Unternehmen NDS zum Einsatz komme. Das erklärt im Nachhinein wohl auch, warum sich Humax für Fragen nach der Firmware und deren Bugs nicht zuständig fühlt.

Der Kabel-BW-Pressesprecher Maurice Böhler bestätigte, dass bei der Firmware vom 27. Januar ein Parameter nicht korrekt gesetzt gewesen sei, was dazu führte, dass der HD-Receiver das Bild nicht in jedem Fall mit dem korrekten Farbraum angezeigte. Allerdings habe der Farbstichfehler nur einen Kundenanteil „im Promille-Bereich“ betroffen, da er lediglich auftrat, „wenn der HD-Receiver nicht wie empfohlen per HDMI-Kabel, sondern per DVI-Kabel angeschlossen wurde“.

Tatsächlich hat P. den Humax über einen Adapter per DVI an seinen Fernseher angeschlossen, der seinerseits keinen HDMI-Eingang besitzt. Jedoch wird der Anschluss per DVI in der Kurzanleitung zur Installation und in der Bedienungsanleitung zum iHD-Fox C „besonders für HDReady-Fernseher“ als gleichwertige Alternative empfohlen: „Für sehr gute Bildqualität verbinden Sie den Receiver und Ihren Fernseher mit Hilfe eines HDMI-Kabels und eines HDMI/DVI-Konverters“. Darauf angesprochen erklärte Böhler, dass auch nicht die Absicht bestünde, „die Anschlussmöglichkeit über DVI auszuschließen“.

Laut Böhler sei zur Behebung des Fehlers allerdings ab dem 22. Februar nicht einfach eine alte Firmware mit neuer Versionsnummer aufgespielt worden. Basis für die aktuelle Firmware sei vielmehr die Softwareversion vom 27. Januar mit ihren „vielen Anpassungen und Detailverbesserungen, die für den überwiegenden Teil unserer Kunden einen positiven Effekt bei der Bedienung des HD-Receivers hatte“. Die Verbesserungen konnte Kabel BW auf Nachfrage bis zum Redaktionsschluss nicht nennen, jedoch wies Böhler darauf hin, dass viele Veränderungen „unter der Haube“ stattfänden.

Das immer noch vorhandene Problem mit dem falschen HD-Ausgabeformat tritt laut Böhler nur „in Ausnahmefällen dann auf, wenn der HD-Receiver vor dem Einschalten des Fernsehgerätes eingeschaltet wird.“ Da Kabel BW das Phänomen bekannt sei, arbeite man aber an einer schnellstmöglichen Lösung. Das nächste Firmware-Update, das „in den nächsten Wochen zur Verfügung stehen wird“, behebe dieses Problem. Auch an den anderen bekannten Bugs werde bereits gearbeitet. Die Wahl der Sky-Unterkanäle wird sich aber wohl auch in Zukunft nicht ändern: Ein Aufrufen über eine Optionstaste „wie bei älteren Receivern“ ist nach Meinung von Kabel BW nicht mehr erforderlich, da der iHD-Fox die einzelnen Optionskanäle in der Programmliste untereinander übersichtlich aufliste.

Fazit

Der Kabel-Receiver von Kabel BW taugt wunderbar als Sinnbild einer globalisierten und von Arbeitsteilung geprägten Welt – auch im negativen Sinne: Geht etwas schief, sitzt der Kunde zwischen den Stühlen. Und das sind im Fall des Humax iHD-Fox C mehr Stühle, als auf den ersten Blick überhaupt sichtbar sind: Zu Humax als Hardware-Hersteller und Kabel BW als Anbieter gesellt sich noch NDS als „unsichtbarer Dritter“, der im Hintergrund an der Firmware des Receivers schraubt. Das Gefühl der Hilflosigkeit wird beim Kunden im vorliegenden Fall noch dadurch verstärkt, dass er praktisch der Willkür des Providers ausgeliefert ist.

Kabel BW wäre gut beraten, in Zukunft bei Problemen schneller zu reagieren – und den Betroffenen bis zur Lösung des Problems über den Fortgang der Entwicklung auf dem Laufenden zu halten. Bei dem bisherigen Kommunikationsverhalten ist es verständlich, dass sich die Betroffenen im Stich gelassen und als Betatester missbraucht fühlen. Zu hoffen bleibt, dass Kabel BW mit dem angekündigten Update nun die Firmware endlich zumindest von den gröbsten Schnitzern befreit. (Nico Jurran) / (gs)

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