Watson bei der Krebsbehandlung auf die Probe gestellt

Von Dr. Andrew Norden, IBM Watson Health*

Künstliche Intelligenz (KI) kann auch in der Medizin wertvolle Dienste leisten. Ein Onkologe schildert, welche praktischen Erfahrungen Ärzteteams bei der Behandlung von Krebspatienten mit IBM Watson gemacht haben und wie die KI-Plattform bei evidenzbasierenden Entscheidungen abschneidet.

Als praktizierender Neuro-Onkologe glaube ich an einen kooperativen Ansatz bei der Krebsbehandlung, der den Patienten, seine Familie, die Pflegekräfte und eine Reihe klinischer Spezialisten einbezieht.

Die Behandlung von Krebs ist in so vielen Hinsichten herausfordernd, dass es keine Option ist, diesen Weg allein zu gehen, wenn man das bestmögliche Ergebnis erzielen will. Und heute – angesichts der explosionsartigen Entwicklung der Daten in der Onkologie-Forschung – spielt die Technologie zunehmend eine wichtige Rolle dabei, jeden Spezialisten des an der Krebsbehandlung beteiligten Teams zu unterstützen.

Ich glaube, dass technologische Systeme für die Zukunft unserer medizinischen Praxis von entscheidender Bedeutung sein werden – weil sie in der Lage sind, die gewaltigen Mengen an heterogenen Daten zu verarbeiten und evidenzbasierende Erkenntnisse zu liefern, die bei schwierigen medizinischen Entscheidungen helfen.

Watson nimmt Herausforderungen der Gesundheitsbranche an

Und ich bin dieses Jahr zu Watson Health Abteilung bei IBM gestoßen, weil ich Teil dieser Zukunft sein will. IBM Watson ist die erste und am meisten Erfolg versprechende KI-Plattform (Künstliche Intelligenz), die die Herausforderungen der Gesundheitsbranche annimmt. Die Fortschritte, die mit dieser Plattform bei Krebs gerade gemacht werden, sind beispiellos.

Was als ausgeklügeltes – aber noch im Entstehen begriffenes — Frage-und-Antwort-System begann, das in der Lage war, in der US-amerikanischen Jeopardy!-Quizsendung zu gewinnen, wurde sehr schnell zu einer wertvollen Ressource für Krebsärzte wie mich. Watson for Oncology wurde am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center trainiert und wird inzwischen in über 30 Krankenhäusern und medizinischen Versorgungseinrichtungen in aller Welt eingesetzt. Und die Ergebnisse überzeugen rundum.

In den letzten Monaten hatte ich die Gelegenheit, eng mit Kollegen in den Manipal Hospitals in Indien zusammenzuarbeiten. Dort stellten sie Watson auf den Prüfstand und verglichen die evidenzbasierten Empfehlungen von Watson for Oncology mit denen von Manipals Tumorgremium, einem Team aus 12 bis 15 Krebsspezialisten, die Woche für Woche gemeinsam die kompliziertesten Krebsfällen besprechen.

In einer Doppelblindstudie fanden die Manipal-Ärzte heraus, dass Watson in 90 Prozent aller Fälle mit den Empfehlungen des Tumorgremiums übereinstimmte. Die Ergebnisse der Studie wurden im Dezember 2016 beim San Antonio Breast Cancer Symposium vorgestellt.

Manipal führte zunächst eine nachträgliche Analyse durch, bei der Watson Fälle analysierte, die zwei Jahre zurücklagen. Watson stimmte dabei zu 73 Prozent mit den Empfehlungen des Tumorgremiums überein, die dieses zur Zeit der Behandlung gegeben hatte. Als das Tumorgremium für die Studie die alten Fälle anhand der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse erneut überprüfte, stieg die Überstimmung zwischen Watson und dem Gremium auf 90 Prozent.

Das zeigt im Grunde, dass Watson mit den aktuellen Entwicklungen der Wissenschaft Schritt gehalten hat.

In bestimmten Fällen, etwa bei Metastasen bildendem Brustkrebs, war die Übereinstimmung geringer – sie lag bei 45 Prozent. Diese Zahlen zeigen, dass bei komplexeren Fällen weitaus mehr Faktoren zu berücksichtigen sind, was für den Klinikarzt eine höhere „kognitive Belastung“ darstellt und mehr Raum für divergierende Empfehlungen lässt.

Auf der Suche nach der „geeigneten“ Behandlung

Watson lag nicht falsch. Vielmehr war es so, dass Watson häufig auf gut durchdachte, evidenzbasierende Begründungen kam – die für das Betreuungsteam jedoch, aufgrund individueller Umstände der jeweiligen Patienten, nicht in Frage gekommen waren.

Sie sehen: Bei Krebs ist die wirkungsvollste Behandlungsmethode nicht notwendigerweise immer die für den Patienten passende Behandlung. So hatte ich kürzlich mit einer Patientin zu tun, die die bestmögliche Behandlung wollte, ohne dass ihr die Haare ausfallen oder ihr schlecht wird. Ihre Tochter wollte im folgenden Monat heiraten, und für die Patientin war nichts wichtiger, als die Feier genießen zu können.

Das ist auch der Grund, warum die Zusammenarbeit aller an der Behandlung Beteiligten so wichtig ist. Es braucht ein ganzes Dorf an Ärzten, Pflegern und, ja, an Technologie, um die beste und wirkungsvollste Behandlung zu bestimmen, die für den Patienten angesichts seiner individuellen Bedürfnisse und Wünsche die genau richtige ist.

Die Manipal Hospitals haben sich für Watson for Oncology als Werkzeug entschieden, weil es die Onkologen bei qualitativ hochwertigen, evidenzbasierenden Entscheidungen für ihre Patienten unterstützt. Die durchgeführte Studie unterstreicht den Wert der Unterstützung durch Watson in der klinischen Praxis.

Eines steht außer Frage: Watson ist eine wertvolle Ergänzung für einen Onkologen, kann ihn aber nicht ersetzen. Bei Watson Health sind wir fest davon überzeugt, dass medizinische Entscheidungen immer mit der Expertise und der Empathie von Ärzten, Pflegern und Patienten getroffen werden sollen. Aber Watson kann eine vertrauenswürdige und qualifizierte Ressource für ein kooperatives Behandlungsteam sein.

Ich bin in die Onkologie gegangen, um Menschen zu helfen, mit den Symptomen und Ängsten, die Krebs auslöst, umzugehen und dagegen zu kämpfen. Und genau das tue ich weiterhin, indem ich mit Watson arbeite.

*Dr. Andrew Norden, Arzt (Doctor of Medicine), Master of Public Health und Master of Business Administration, ist der stellvertretende Chief Health Officer bei IBM Watson Health.

Dieser Beitrag basiert auf einem Blogpost im IBM THINK Blog.

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