Wenn der Chef ein Deepfake ist

Ein Mitarbeiter überweist rund 23 Millionen Euro, weil sein Finanzvorstand ihn in einer Videokonferenz darum bittet. Doch in diesem Call saß außer ihm kein einziger echter Mensch. Im KI-Zeitalter entscheidet nicht mehr allein die Firewall über die Sicherheit eines Unternehmens – sondern vor allem die Frage, wer wirklich am anderen Ende sitzt.

Ein Beitrag von Thomas Tschersich, Chief Security Officer (CSO) bei der Deutschen Telekom und CEO der T Security

Im ersten Moment wirkte alles wie immer: Anfang 2024 saß ein Mitarbeiter des Ingenieurdienstleisters Arup in Hongkong in einer Videokonferenz. Sein Finanzvorstand war zugeschaltet, dazu mehrere Kollegen. Alle bekannt, alle im Bild. Gemeinsam wiesen sie ihn an, eine vertrauliche Zahlung auszulösen. Soweit, so gewöhnlich. Also tat er, worum man ihn bat. Der Mitarbeiter verteilte das Geld auf 15 Überweisungen, insgesamt rund 23 Millionen Euro. Doch es war eben nicht alles wie immer: Erst danach flog auf, dass im Call niemand echt war außer ihm selbst. Jedes Gesicht, jede Stimme war KI-generiert.

Dieser Fall markiert eine Zäsur in der Cybersicherheit: Erstmals leben wir in einem Zeitalter, in dem wir unseren eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen können. Fünf bis zehn Sekunden Ton- oder Videomaterial reichen heute, um eine Stimme und ein Gesicht überzeugend nachzubauen. Damit bröckelt das Fundament, auf dem digitale Zusammenarbeit ruht – die Gewissheit, mit wem man es überhaupt zu tun hat.

Warum die alte Mauer nicht mehr schĂĽtzt

Jahrzehntelang haben wir Sicherheit wie eine Burg gedacht. Innen das Vertrauenswürdige, außen die Gefahr, dazwischen eine Mauer. Wer sich aber per Deepfake als Vorstand ausgibt, prallt an keiner Firewall ab. Er spaziert durch das offene Tor, weil ihn alle für berechtigt halten. Damit verschiebt sich die Verteidigungslinie. Die alte Mauer um das Firmennetz hilft gegen KI-Angriffe nicht mehr. Deshalb wird Identität zum neuen Perimeter. Sie entscheidet, wem ein Unternehmen Zugang, Rechte und Vertrauen gewährt.

Die Bedrohungslage spitzt sich zu. Allein in unserem Security Operations Center zählen wir bis zu 100 Millionen Angriffsversuche pro Tag. Wir beobachten dort schon seit Langem, wie KI das Handwerk der Angreifer verändert. Phishing-Mails, die früher an holprigem Deutsch scheiterten, lesen sich heute tadellos. Betrugsmaschen wie der CEO-Fraud gewinnen durch geklonte Stimmen eine neue Wucht. Noch dazu steigt die Geschwindigkeit: DDoS-Angriffe in unserem Netz haben sich binnen eines Jahres verzehnfacht, von 3.000 auf 30.000 pro Woche. Die Ursache: KI-gestützte Angriffe laufen in Sekunden ab, nicht in Minuten.

Gerade den Mittelstand trifft das hart. Dort zählt der kurze Draht, man kennt sich, man vertraut der bekannten Stimme am Telefon. Genau diese Nähe nutzen Angreifer aus. Ein geklonter Anruf des Geschäftsführers wirkt oft besser als jede Schadsoftware.

Wie Unternehmen die Kontrolle zurĂĽckerobern

Die Antwort auf gefälschte Gesichter ist eine echte, nachweisbare Identität. Wenn zweifelsfrei feststeht, wer ein Gerät bedient und wer eine Zahlung freigibt, hat Betrug keine Chance mehr. Denn eine kryptografisch gesicherte Identität lässt sich nicht einfach aus ein paar Sekunden Videomaterial nachbauen.

Hier setzt Mobile ID an. Beim neuen Produkt der Deutschen Telekom wandert die Identität in den Sicherheitschip des Smartphones – das Gerät wird so zu Ausweis, Schlüssel und Unterschrift in einem. Angestellte melden sich ohne Passwort an, unterzeichnen Dokumente rechtssicher und verschlüsseln ihre Mails. Jeder einzelne Schritt wird kryptografisch bestätigt. Der Dienst läuft in deutschen Rechenzentren, eIDAS-konform, ohne Umweg über eine US-Cloud. So bleibt die Datenhoheit im Haus.

Thomas Tschersich, Chief Security Officer (CSO) bei der Deutschen Telekom und CEO der T Security

Eine Personalabteilung fĂĽr KI-Agenten

Allerdings hört die Identitätsfrage beim Menschen nicht auf: Auch KI-Agenten lesen längst Mails, verschieben Daten und stoßen Zahlungen an. Kapert ein Angreifer einen solchen Agenten, sitzt plötzlich ein Doppelagent im Haus – mit allen Rechten, aber mit gewechselter Loyalität. Deshalb gilt für diese digitalen Pendants das Gleiche, was für Mitarbeiter selbstverständlich ist: Jeder bekommt eine eindeutige Identität, eine klare Rolle, eng begrenzte Rechte und bleibt unter Beobachtung. Mit anderen Worten: die Personalabteilung für KI-Agenten.

Den Mitarbeitenden in Hongkong hätte die digitale Identität vor einem großen Schaden bewahrt. Die Zahlung hätte dann nicht mehr am vertrauten Gesicht im Video gehangen, sondern an einem kryptografischen Nachweis. Der vermeintliche Finanzvorstand hätte sich eindeutig ausweisen müssen – nicht nur mit einem Bild, das sich in Minuten erzeugen lässt. Ein Deepfake fällt bei dieser Prüfung durch. Die 23 Millionen wären dort geblieben, wo sie hingehören.

Vertrauen ist und bleibt die wichtigste Währung im digitalen Raum. In einer Welt voller Fälschungen sichern wir dieses Vertrauen nicht mehr über den ersten Eindruck, sondern über den Nachweis. Wer heute festlegt, wie ein Unternehmen die Echtheit von Menschen und Maschinen prüft, entscheidet über seine Widerstandskraft. Egal, was morgen kommt.

An mehr Einblicken von Thomas Tschersich interessiert?

→ Jetzt auf LinkedIn folgen.

→ Im Talk mit Thomas Tschersich: „Wir stehen im Internet unter Dauerfeuer.“

→ Podcast: heise meets … Thomas Tschersich: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir unseren Augen nicht mehr trauen können“

kommentar field