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Das Darknet im Selbstversuch

Unterwegs auf der dunklen Seite des Internets

Vom Darknet hat fast jeder schon einmal gehört, der regelmäßig im Netz unterwegs ist. Selbst dort umgesehen haben sich aber nur wenige. Ich berichte, mit welcher Software man die vermeintlich dunkle Seite des Internets betreten kann und was einen dort erwartet.

Der kindliche Gedanke, unbemerkt etwas Verbotenes zu tun, ist aufregend und irgendwie verlockend. Nicht umsonst werden in Familien immer wieder Keksdosen von den Küchenschränken geklaut. Von den Möglichkeiten im Darknet hört man ungleich Schlimmeres: ungestraft verbotene Substanzen oder Waffen kaufen, schockierende Bilder und Videos unbemerkt ansehen, sich anonym in einer Grauzone bewegen. Diese Dinge sind größtenteils illegal, sollen im Darknet aber problemlos zugänglich sein. Doch ist das wirklich so? Gibt es vielleicht auch Beispiele, wie man das Darknet positiv nutzt? Mit dieser Frage im Hinterkopf habe ich mir das dunkle Netz einmal selbst angesehen.

Ohne jegliche Vorerfahrungen im Darknet habe ich mir den Tor Browser heruntergeladen und installiert. Die auf Firefox basierende Software ermöglicht das anonyme Surfen im Internet und den Zugang ins Darknet. Der Start des Browser alleine bringt einen aber zunächst nicht weiter, die Standard-Startseite ist spartanisch und inhaltsarm. Ein paar Links zur Tor-Webseite sowie dem Tor-Wiki und ein Google-ähnliches Suchfeld - das wars. Von Drogen, Waffen und anderem Ü18-Kram vorerst keine Spur.

Aber vielleicht hatte ich auch falsche Erwartungen. Ist das Darknet nur ein Netzwerk voller Dealer, Hacker, Cracker und Betrüger, die illegales Zeug auf dem Silbertablett servieren, oder steckt doch mehr dahinter? Ich denke schon. Die "helle" Seite des Darknets ist das, was tatsächlich etwas mehr im Verborgenen liegt und worüber viel zu wenig gesprochen wird. Hier bewegen sich Journalisten, Blogger, Menschenrechtsaktivisten, politisch verfolgte Andersdenker und Whistleblower wie Edward Snowden. Sie alle nutzen das Darknet via Tor. Das Darknet bietet diesen Personengruppen die Möglichkeit, anonym zu kommunizieren und anonym Daten auszutauschen. Doch um all die Ebenen und Facetten des Darknets zu ergründen, muss man sich schon etwas tiefer in das System hineinbegeben - und vor allem: viel lesen und möglichst nicht unachtsam herumklicken.

Die Startseite des Tor-Browsers: Viel gibt es hier nicht zu sehen.

Nach dem ersten Start des Tor-Browsers drängte sich mir die Frage auf, wie und wo es weitergeht. Die Startseite des Browsers ist keine Hilfe, kein Wegweiser ins Darknet. Dann kam mir ein altbewährtes System in den Sinn: das Wiki - also Wissensdatenbanken. Über eine Suche nach "Darknet Wiki" auf der Startseite des Tor-Browsers stieß ich schließlich auf das "Hidden Wiki", das übrigens auch ganz einfach per Google für jedermann im Internet auffindbar ist – alle Inhalte, die nur im Darknet per Tor erreichbar sind, haben kryptische Web-Adressen mit .onion als Endung. Auf den ersten Blick ist das Hidden Wiki eine Link-Sammlung, die mir den Einstieg in das Darknet und die Suche nach relevanten .onion-Adressen erleichtern soll - auf den zweiten Blick jedoch auch eine Seite, die unter anderem dazu dient, Neulinge wie mich zu "scammen", also zu betrügen.

Egal ob Waffen, Drogen, Medikamente, geklaute Kreditkarten, gehackte PayPal-Accounts, gefälschte Pässe oder Auftrags-Killer - auf den ersten Blick kann man hier alles kaufen, was das Kriminellenherz begehrt. In einigen Foren, die nicht einfach im Hidden Wiki verlinkt sind, stößt man jedoch schnell auf Threads, die sich nur mit betrügerischen Seiten beschäftigen und diese auflisten. Diese Listen sind mitunter seitenlang und man findet dort viele der Links aus bekannten Link-Sammlungen wie dem Hidden Wiki oder den "TorLinks", die teilweise auch im Clearnet oder Surface Web - also dem frei zugänglichen und sichtbaren Internet - zu finden sind. Die genannten Listen-Threads in Foren kennzeichnen diese Seiten als "Fake", sodass die jeweilige Foren-Community und interessierte Leser nicht auf eben diese hereinfallen. Für die Suche nach wirklich relevanten Seiten und Themen, kann ich euch die Darknet-Suchmaschinen "Not Evil" und "Torch" empfehlen - sie haben mir persönlich sehr geholfen.

Die Startseite des Hidden Wiki

Das Darknet sowie auch der Tor-Browser, der den Zugang dorthin bereitstellt, sind kein diabolisches Werk erfinderischer Krimineller. Ganz im Gegenteil. Je mehr ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, je länger ich mich im Darknet aufgehalten und je mehr ich dort gelesen habe, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass dort eigentlich ganz normale - und vor allem auch legale und wichtige - Dinge passieren. Tor steht insbesondere für den Schutz der Privatsphäre durch Anonymität. Das bedeutet für Journalisten und Blogger, die aus Krisengebieten berichten, oder für Menschenrechtsaktivisten, die sich in Ländern ohne Presse- oder Meinungsfreiheit bewegen, im besten Fall den Unterschied zwischen Freiheit und Gefängnis - im schlimmsten Fall den Unterschied zwischen Leben und Tod. Für Leute wie euch und mich bietet das Darknet vor allem die Möglichkeit, sich anonym zu allen erdenklichen Themen zu äußern - ungefilterte Meinungsfreiheit ohne die Gefahr, gleich erkannt und an den Pranger gestellt zu werden. Und das bedeutet auch ungefilterte Inhalte, über deren Wert wir selbst entscheiden dürfen, ohne dass eine Vorab-Zensur stattgefunden hat.

Fakt ist aber auch, dass sich viele Kriminelle im Darknet bewegen. Dort werden tatsächlich Drogen und allerlei anderer illegaler Krempel verbreitet, verkauft und gekauft. Das ist auch den Ermittlungsbehörden weltweit bekannt. Aber so einfach und offensichtlich wie es scheint, funktioniert das in der Realität - spätestens seit der Hochnahme des Drogen-Marktplatzes Silk Road - nicht, beziehungsweise nicht mehr. Drogen und Waffen zum Beispiel, werden unter anderem über teilweise zugangsbeschränkte Foren vertickt. Hier müssen sich Käufer und Verkäufer anmelden: "verifizierte" Testkäufer, eine scheinbar sichere Zahlungsmethode - Escrow genannt - sowie Gratis-Samples sollen bei beiden Parteien ein Sicherheitsgefühl entstehen lassen und letztendlich zum Geschäfts-Abschluss führen. Diese dunkle Seite des Darknets ist aber nur der Preis für den wirklich wertvollen Nutzen: die Möglichkeit für Menschen aus der ganzen Welt, sich anonym auszutauschen.

Zu gern werden die Begriffe "Deep Web" und "Darknet" in Beiträgen, Foren und Reportagen synonym verwendet - das ist schlichtweg falsch. Das Darknet ist über ein Peer-to-Peer-Netzwerk wie das Tor-Netzwerk erreichbar, bei dem sämtliche Daten anonymisiert übermittelt werden - so soll man sich als Nutzer quasi unsichtbar im Netz bewegen können. Dazu werden Nutzer über einen "Entry-Node" in das Tor-Netzwerk geleitet. Hier wird die Anfrage des eigenen Computers über mehrere Tor-Server umgeleitet – diese Route ändert sich alle zehn Minuten. Schließlich gelangt die Anfrage über den "Exit-Node" an den eigentlichen Bestimmungsort, also die gewünschte Webseite.

Das sogenannte Deep Web hingegen beschreibt schlicht alle Inhalte (etwa Webseiten und Datenbanken), die von herkömmlichen Suchmaschinen wie Google, Bing und Yahoo, nicht indexiert werden können und somit nicht ohne Weiteres auffindbar sind.

Falls ihr vorhabt euch das Darknet einmal selbst anzusehen, kann ich euch nur ans Herz legen einige Grundregeln zu beachten:

  • Benutzt ein VPN (Vitual Private Network) um eure eigene IP-Adresse zu verschleiern
  • Prüft, ob ihr Virenscanner, Anti-Spy- und Malware sowie eine Firewall installiert habt und ob diese auf dem neusten Stand sind
  • Idealerweise solltet ihr aufgrund der Malware-Gefahr nicht mit Windows-Rechnern surfen - nutzt wenn möglich eine Linux-Distribution (am besten Tails) und startet diese in einer virtuellen Maschine oder vom USB-Stick aus
  • Nutzt den Tor-Browser
  • Nehmt nicht alles für bare Münze, was ihr lest oder seht, und vertraut niemandem, den ihr nicht kennt
  • Gebt niemals persönliche Daten wie E-Mail-Adresse, Anschrift, Telefonnummer oder Kreditkartennummer weiter
  • Seit euch stets im Klaren darüber, dass es keine absolute Sicherheit und Anonymität gibt: wenn jemand über die richtigen Mittel und Kenntnisse verfügt, kommt "er" euch auch im Darknet beziehungsweise dem Tor-Netzwerk auf die Schliche
  • Hände weg von Drogen (und bleibt in der Schule)!

Letztendlich muss jeder, der sich im Internet bewegt, für sich selbst entscheiden, was richtig und was falsch, was gut und was böse, was wichtig und was unwichtig ist. Richtig, gut und wichtig sind für mich freie Meinungsäußerung, ein neutrales Netz sowie die Möglichkeit sich weltweit anonym austauschen zu können. Falsch, böse und unwichtig wiederum sind für mich kriminelle Handlungen, verbotene Inhalte und Kim Kardashian. In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß im Netz, ganz gleich ob im Clear- oder Darknet.

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Wie steht ihr zum Darknet? Habt ihr dort schon selbst Erfahrungen gemacht? Erzählt uns doch in den Kommentaren davon!

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